Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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»MW rfwnrmrf’t'-'iWiC**-»? ■>?*- - - - - — 267 — Kathedern mitgelehrt. Aber auch an allen nationalen Werken des Friedens, an allen idealen Interessen des Volkes nehmen wir längst und je länger je mehr 1 einen breiten und vollen Anteil. Was wir thun und was wir treiben, thun und J treiben wir als Deutsche; und wenn wir, worauf man so gerne hinweist, auf dem Weltmarkt Vermögen erwerben, so ist dies eine Vermehrung des Nationalreichtums. Handel und Gewerbe, Handwerk und Fabrikation. Kunst und Wissenschaft erfüllen unser Leben, und was und wie wir arbeiten, jeder nach seinem Maaße: wir mögen i wollen oder nicht, so arbeiten wir als Deutsche." i Doch der eben definierte Begriff der modernen Nation führt zu einer scharfen Trennung zwischen Nation und Nationalität. Letztere bezeichnet, indem fie eine in Wahrheit nicht existierende, „von einem nationalen Adam und von einer; solchen Eva herstammende große Familie, eine Familiennation" unterstellt, Dinge,; die bei jedem einzelnen Angehörigen dieser großen Familie sich gleich vorfinden, wie; Tracht, Sprache, Sitte und Denkart, als national. In diesem Sinne spricht man 4 mit Recht von einer polnischen Nationalität, die ein Element sowohl der deutschen 1 als der russischen und österreichischen Nation bildet. Es wäre aber falsch, in j gleicher Weise von einer jüdischen Nationalität wenigstens innerhalb derjenigen -'A Nationen zu reden, in denen den Juden die Teilnahme an der nationalen Kultur»; arbeit nicht versagt ist. Die Juden dieser Nationen haben sich in allen diesen Dingen ihrer Umgebung accommodiert und assimiliert. Unterschiede, die aus einer Zeit stammen, wo diese Teilnahme ihnen versagt war, sind in stetigem Schwinden •- begriffen. Das Unterscheidende ist heute allein oder doch fast allein die Religion. ' Diese aber scheidet auch die nichtjüdischen Staatsbürger: eine Staatsreligion kennt? eben der moderne Staat nicht, soll er wenigstens nicht kennen. Ob und inwieweit ' allerdings von einer jüdischen Nationalität in den Staaten gesprochen werden kann, . in denen die Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung noch nicht erlangt haben, ' ist eine andere Frage, die aber hier nicht erörtert zu werden braucht, weil jeden- 1 falls das sich nicht bezweifeln läßt, daß diese Juden gleich ihren deutschen, französischen, ,! italienischen, englischen Glaubensgenossen, was ihnen an Besonderheiten in erwähnter ■ Richtung anhaftet, aufgeben und sich ihrer andersgläubigen Umgebung in diesen Beziehungen gänzlich anpassen würden, wenn ihnen die Erlangung der Gleichberechtigung selbst nur in sicherer Aussicht stände. Ein geradezu klassischer Beweis , hierfür ist die Thatsache, daß Mindestens die Kinder der aus Galizien, Rußland, Rumänien in Deutschland, Frankreich, England, Amerika eingewanderten Juden } ihre Väterreligion, wenn auch in geläuterter Form, sich erhalten, die osteuropäisch » jüdischen Besonderheiten aber zu Gunsten der nationalen Eigenart ihrer neuen Heimat für immer aufgegeben haben. Welches ist also denn der Kitt, der alle Juden der Diaspora, ob sie wolle»; oder nicht, aneinanderfügt, der allen Juden immer und immer wieder zum Bewußt» sein bringt, daß sie zusammengehören, daß sie alle eine Gemeinschaft bilden auch