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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 266

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Auch die keineswegs unbestrittene Thatsache der allen Juden gemeinsamen Abstammung, auch sie ist es nicht, die allen Juden das Gefühl der Zusammengehörigkeit gewährt. Längst schon wird die Stininie des Blutes nicht mehr von jedem Sohne Israels vernommen. Man hat z. B keinen Anlaß, den Versichernngen gar vieler Juden den Glauben zu versagen, daß sie für die galizischen, russischen oder rumänischen Juden keinerlei irgendwie geartetes, sei es Stammes-, sei es Rassenverwandtschastsgeftthl empfinden, daß sie iin Gegenteil a priori eher Abneigung gegen die Juden Halbasiens hegen. Oder umschlingt die Juden gar auch heute noch ein nationales Band? Bilden wir heute, trotzdem fast zwei Jahrtausende vergangen sind, seit der jüdische Staat zerstört worden ist, noch eine nationalt Gemeinschaft? Einigt uns auch heute noch ein jüdisches Nationalgefühl? Ich meine, daß von der Existenz einer jüdischen Nation in unseren Tagen nur Jemand reden kann, der den Begriff der modernen Nation nicht erfaßt hat oder nicht erfassen will. Unter einer Nation versteht man heutzutage nicht mehr eine durch Blutsverwandtschaft geeinte Menge, eine genealogische Einheit. Die nationale Einheit im modernen Sinne beruht, wie der berühmte Hallenser Geograph, Professor Alfred Kirchhoff, in einer aus Anlaß der neulichen Polendebatten im preußischen Landtag unter dem Titel: „Was ist national?" veröffentlichten Schrift unter Anrufung keiner geringeren als der Autorität Bismarck's klar darthut, auf dem natürlichen Zusammenschluß in einem zweckmäßig begrenzten geographischen Gebiete. „Die moderne Nation schweißt," — so führt er treffend aus, — „die heterogensten Elemente, Menschen von dem verschiedensten Blut und verschiedensten Familientraditionen, auf ihrem Boden zu einem großen Ganzen zusammen; sie hat ihre Wurzel in dem Wollen, brüderlichen Zusanimenhaltens auf diesem Boden und schafft sich ihre Zukunft in der Sicherung der Durchführbarkeit dieses Willens; ihr Werdegang ist ein langsamer, aber sicherer geistiger Berschmelzungsprozeß der verschiedenen Elemente bezw. Nationalitäten auf ihrem Boden; ihr einziges Merkmal ist die Staatsbürgerschaft." Nach dieser allein richtigen Definition des Begriffes „Nation" sind zum Mindesten die Juden in allen-den Ländern» in denen ihnen die Staatsbürgerrechte eingeräumt sind, keine Nationaljuden mehr, sind speziell wir deutschen Juden, wir deutschen Staatsbürger jüdischen Bekenntnisses, Angehörige nur und keiner anderen als der deutschen Nation. „Seit das Staatsgrundgesetz uns zu vollen Bürgern des Landes gemacht hat, erleben wir" — wie Lazarus in seiner zu Beginn und behufs Bekämpfung der antisemitischen Bewegung erschienenen Schrift: „„Was heißt national?"" so schön sagt — „keine andere Geschichte, als die Geschichte des deutschen Volkes; was ihm zu Lieb und was ihm zu Leid geschieht, seine Sorgen, seine Kämpfe, seine Triumphe find auch die unserigen. Im Felde haben wir mitgekämpft, in den Parlamenten mitberaten, derweil auch auf den communalen Ratsstühlen gesessen, in den Laboratorien mitgearbeitet, in den Krankenhäusern mitgeheilt und, mitgepflegt, auf den

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