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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 257

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 257 (sequence 17)
Language
German
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schätzung. Sie verlangt, daß bei den nächsten Reichstagswahlen, wie bei der Wahl Straßmanns zum Stadtverordneten, die Parole lautet: „Germanen. gegen Semiten und Philosemiten". „Damit" heißt es, „wird es auch möglisch sein, die semitischen Schaaltiere, welche sich innerhalb der konservativen Parteien festgesogen haben, wieder abzuschütteln." Man will also nicht blos Juden von Konfession treffen, sondern die Frage, wie Herr von Ludwig sagt, ganz im Sinne der Zoologie erledigen. Sie scheinen jedes Mitglied der antisemitischen Bewegung für einen Urgermann zu halten und alle nach ihrer Meinung berechtigten Bürger des deutschen Reiches für Urgermann. Haben wir hier nicht eine ganze Reihe regelrechter Slaven von Geburt und Abstammung als vollberechtigte Mitglieder sitzen? In den ruhmreichsten Zeiten unseres Heeres- und Civildienstes waren Männer der verschiedensten Nationalitäten in den höchsten Stellungen. Was soll es nutzen, diese ethnologische Heraldik zu treiben, zu untersuchen, woher ein Jeder sein Blut genommen hat? Das ist nicht die Grundlage des Reiches und unserer Verfassung, und darum warne ich die Herren, auf diesem Wege fortzuschreiten, denn sie kämpfen damit gegen jede konstitutionelle Existenz an. Sehr zu bedauern fft es, daß man die Agitation jetzt auch auf die Kleinen überträgt. Nachdem man die Obersekundaner angerufen, ruft man jetzt einen Teil der Studentenschaft auf, der nicht zwischen dem, was Recht und Unrecht ist, zu unterscheiden weiß, und bringt so ein System der Verfälschung in das öffentliche Leben, wie es ärger seit langer Zeit nicht dagewesen ist. In einer Lage, wie die der Juden hier, befinden sich auch jetzt die Deutschen in Rußland, denen die „Petersburger Zeitung" vorwirft, daß man in „ihnen keine begabten Rivalen, sondern gewandte und schlimme Jntriguanten sehe, welche nur persönliche und Standesintereffen verfolgen, denen die Sorge für das Wohl des russischen Staates nur das Mittel zur Beförderung ihres eigenen Nutzens ist." Setzen Sie hier statt Deutsche „Juden" und statt Russen „Deutsche", und Sie haben dasselbe, was man in der antisemitischen Presse behauptet. In Frankreich und England ivird es Niemand einfallen, den Juden die gewöhnlichsten Forderungen des gleichen Rechts zu versagen. Darum erinnere ich daran, daß auch wir nicht kraft unseres Germanentums oder Christentums in diesem Hause sitzen, um hier etwa einseitige Interessen zu verfolgen, sondern im Sinne der Verfassung und der nvohlbegründeten Gesetze, die vor ihr da waren, das gleiche Recht Aller zu vertreten haben." — Der engere Senat der Universität. Heidelberg hat die jüdische Verbindung „Badenia" dauernd aufgehoben,- den dagegen eingelegten Rekurs hat das badische Ministerium auf Grund eines Berichtes des Senats abgewiesen. Schon vor einem Jahr war die Corporation für ein Semester suspendiert worden, weil ihre Mitglieder gröbliche antisemitische Beleidigungen thätlich erwidert hatten. Die damalige Diszipliniruug erfolgte auf Grund einer von mehreren Korporationen ausgehenden Denunciation, in die bis auf den einzigen Fall, wo Badenen zugegebenermaßen der schuldige Teil waren, nicht ein-

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