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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 256

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 256 (sequence 16)
Language
German
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256 Wonatsschau. Rudolf Dirchow, dessen Hiuscheiden in der ganzen Welt beklagt wird, der Fürst im Reiche der Wissenschaft, war auch einer der verdienstvollsten Vorkämpfer für Humanität, Recht und Freiheit und als solcher ein scharfer Gegner des Antisemitismus. Bekannt ist seine 1893 gehaltene Rektorsrede, die er mit den Worten schloß: bei der Wissenschaft ist es gleichgiltig welcher Religion man angehört ebensowenig bedarf es einer solchen um Gutes zu thun. Am 20. November 1880, bei der Beratung der Interpellation Hänel im preußischen Abgeordnetenhause äußerte sich Abg. Virchow folgendermaßen: „Es ist nun wirklich recht sonderbar, den Juden Rechte erst einzuräumen und hinterher darüber zu klagen, daß die Bürger von ihren Rechten ganzen und vollen Gebrauch machen, oder, wie sie sich ausdrücken, daß die Juden unbescheiden seien. Aehnlich wird fortwährend mit den Angriffen gegen die Religion und gegen die Rasse umgegangen. Wenn man die Reden in den Volksversammlungen hört, so möchte man glauben, daß dort lauter Ethnologen ersten Ranges seien. Man spricht dort von Ariern und Semiten, und die Feindseligkeit liege in der jüdischen Glaubenslehre. Wird dann nachgewiesen, daß das nicht der Fall ist, daß die jüdische Religion den Wucher verurteilt und Unterwerfung unter die Gesetze des Staates befiehlt, dann soll die jüdische Feindseligkeit wieder in der Abstammung liegen. Das sind doch reine Jongleurkunststücke, die um so auffälliger sind, als ja doch viele sehr vornehme und konservative Familien mit jüdischen Familien verschwägert sind. Ich weiß nicht, sind sie denn blos gegen die männlichen Semiten so feindlich'? Es muß noch klargestellt werden, daß nicht immer bald die Religion, bald die Abstammung der Juden als Vorwand gebraucht wird. In der That stellt sich die Agitation immer mehr so dar, als ob sie gegen die jüdische Religion gerichtet ist; wenn die Massen das wissen, dann wird sich die Sache ganz anders gestalten. Und zuletzt sind es doch die niedrigsten Leidenschaften, an die Sie appellieren, an den Neid, weil die Juden schneller zu Besitz kommen. In allen Ländern, in denen sich die Emanzipation der Juden vollzogen hat, kann das friedliche Verhältnis sehr wohl bestehen, wenn nicht so abenteuerliche Feldzüge, wie jetzt bei uns, gegen das Judentum unternommen werden. Der eigentlich gefährliche Zeitpunkt für die Entwicklung der Judenhetze war, als gewisse bedeutende Juden, namentlich in den Parlamenten, unbequem wurden." Und einige Tage später, bei der Verhandlung über den Antrag Ludwig, welcher eine konfessionelle Statistik der Gründer von Aktien - Gesellschaften forderte, führte Virchow aus: „Die Judenhetze nimmt leider im Lande immer größere Dimensionen an, und darum halte ich es für geboten, meine warnende Stimme noch einmal zu erheben. Ich mache den Herrn Minister des Innern auf die Artikel der „Deutschen Landeszeituug" aufmerksam, nicht zu ihrer Verfolgung, sondern zu ihrer Wert-

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