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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 255

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 255 (sequence 15)
Language
German
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255 Rabbi: „Das biblische^, Zahn um Zahn" u. s. w. ist ja auch nicht wörtlich zu nehmen, sondern gemeint ist die Strafe, eine Buße, ein gleichwertiger Schadenersatz Strafe muß ja sein," fügte er lächelnd hinzu, „wohin sollte denn eine solche übertriebene Demut führen, das wäre ja die reine Anarchie!" Eine Stunde hatten wir im angenehmen, anregenden Gespräche zugebracht. Wir mußten aus Rücksicht für seine Lebensweise unseren Besuch beenden, weil es 10 Uhr geworden war und er täglich vor l/*ll sich ins Bethaus begiebt um sein . Morgengebet Herrichten. Bei unserm Abschied erhob er sich leicht von seinem / Stuhle, reichte freundlich lächelnd jedem die Hand und dankte für den Besuch. Da es noch Zeit war, gingen wir in das nur wenige Schritte von seinem Wohnhause entfernte Bethaus, das wie jenes ebenerdig ist. Das Bethaus ist ein kleiner Prachtbau und stammt aus dem Ende der Sechziger Jahre. Eine breite Treppe von wenigen Stufen führt zur Vorhalle und diese geradeaus in das eigentliche Gotteshaus. Hier waren bereits etwa zwanzig Leute versammelt, überwiegend junge, worunter mehrere, die nicht mehr als 15—16 Jahre zählen konnten; jeder hielt einen Talmudtractat vor sich und lernte seinen Schiur. Unter ihnen gab es mehrere, die ein geradezu erstaunliches t^lmudisches Wissen hatten. Aus der Vor- «4 halle gelangt man rechts in einen kleinen Raum, der durch eine Thür mit dem allgemeinen Betraum verbunden ist. Hier betet der Rabbi ganz allein, indem die Thür zum Betraum ein wenig geöffnet wird. Auf einem kleinen Tische steht eine kostbare, antike Lade darin eine Thora, vor dem Tische befindet sich ein Lehnstuhl. Hier ist des Rabbi Platz. An der Wand links hängt unter einem versperrbaren Rahmen ein uraltes Proches mit kostbaren Stickereien: die Krone aus echten Perlen, dann soviele Brillanten, Rubinen, Smaragden und Saphiere, daß man geblendet wird; das ganze hat einen unschätzbaren Wert. Es soll eine orientalische Arbeit sein. Interessant ist, daß darauf die zehn Gebote die Einteilung haben, daß Anochi und 1c» jiheju zu Einem vereinigt sind, dafür aber das bei uns übliche zehnte Gebot in zwei Theile geteilt ist, so das man zweimal liest: I-o tuedwocl. Gegen Mittag ist gewöhnlich das Morgengebet zu Ende, natürlich nur an . Wochentagen; an Samstagen und Feiertagen dauert es noch länger. Den ganzen Nachmittag empfängt der Rabbi Besuche, zumeist von auswärts. Die Mahlzeiten nimmt er allein, indes zahlreiche Arme, oft mehr als hundert, an langen Tischen täglich dort gespeist werden. In angeregter Stimmung kehrten wir nach Czernowitz zurück, von dem Besuche sehr befriedigt:- wir hatten das Oberhaupt einer großen Sekte, der Chassidin^-»^ kennen gelernt und einen Mann in ihm gefunden, der einerseits treu den Traditionen seiner Familie ist, anderseits auch moderne Bildung in sich ausgenommen hat. )

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