Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Von der russischen Regierung verfolgt, und in Gefahr verhaftet zu'werden, floh er über die Grenze, schlug seinen Wohnsitz in dem nahe der Bukowinaer Hauptstadt Czernowitz gelegenen Marktflecken Sadagora auf und nahm den Familiennamen Friedmann an. Er starb 1851. Ihm folgte sein Sohn Rabbi Abraham Jakob, nach dessen Ableben 1883 der gegenwärtige Rabbi Israel den Stuhl seiner Väter bestieg. Er saß vor uns in langem, dunklem, seidenem sammtverbrämten Talar (Kaftan), auf dem Kopfe einen hohen Peluchehnt mit breiter Krämpe und gestickte Pantoffel auf den Füßen. Nachdem ich mir über seine gastliche Aufforderung eine Cigarette gedreht hatte, Hub er das Gespräch an. Nach dem Austausch einiger unwesentlichen Fragen und Antworten und meiner Bemerkung, ich wollte während meines Ferialaufenthaltes bei meinen Eltern in Czernowitz die Gelegenheit wahrnehmen, ihn zu besuchen und kennen zu lernen, waren wir bald mitten im Gespräch über Politik und die öffentliche Lage überhaupt. Und da zeigte er sich als ein Mann von allgemeinem Wissen, der über alles unterrichtet war und mit klarem Urteil sprechen konnte. — Ich muß noch bemerken, daß er sich ausschließlich der deutschen Sprache bediente und kein Wort im Jargon sprach. — Doch würde es zu weit führen, alles anznführen was da besprochen wurde; nur einiges sei erwähnt. Da ist es vor allem interessant, daß er ein Gegner des Zionismus ist und für dessen Bestrebungen nur ein mitleidiges Lächeln hatte. „Wir Juden", sagte er, „wünschen ja und hoffen, ins gelobte Land zurückzukehren, aber erzwingen können wir es nicht, und nicht von uns, von niemanden, von keiner noch so großen Corporation hängt es ab, den Zeitpunkt der Rückkehr beschleunigen oder gar feststellen zu können". Ueber die von mir aufgeworfene Frage, ob es nicht gut wäre, daß ein Teil der Juden sich Feldarbeiten widme, meinte er: „Wer das will und in sich den Beruf dazu fühlt, der kann es ja thun und thut es auch; aber verfehlt ist's, wie die Colonisation in Argentinien beweist, solche Leute im allgemeinen dazu zwingen zu wollen. Städter können nie zu Bauern gemacht werden. Nicht allein Juden, nehmen Sie christliche Städter und stellen Sie sie aufs Feld, sie werden auch nichts leisten. Künstlich kann man keine Geschichte machen, und was sich nicht notwendig entwickelt, führt zu nichts." Auf meine Mitteilung im weiteren Verlaufe des Gespräches, ich hätte einmal einem katholischen Geistlichen, der mir die Lehre des Evangeliums vorhielt: „in der Bibel steht Zahn um Zahn, Aug' um Aug'; ich aber sage euch, bestehet nicht auf Rache, und wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem neige auch die Linke hin," um mir zu zeigen, wie viel höher und edler der neue Bund stehe über dem alten, die Frage vorgelegt, nach welchen Grundsätzen denn bei unseren Gerichten -Recht gesprochen werde und ob ein Mensch denkbar sei, der nach einer erhaltenen Ohrfeige auf eine Wange, einladend die andere entgegenhalten würde, meinte der