Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969904--6751-2976102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
253 Wagen ' von dem herrlichen, auf einer Anhöhe malerisch gelegenen Czernowitz zur Pruthniederung hinab, setzten über die Flußbrücke und fort gings über die staubige Landstraße, die zu beiden Seiten von Feldern begrenzt wird, und durch ein kleines Dorf, bis wir nach etwa dreiviertelstündiger Fahrt in Sadagora ankamen und vor dem hübschen, villenartigen, von einem mäßigen Garten umgebenen Wohnhause des Rabbi hielten. Wir hatten uns Tags zuvor anmelden lassen, und wurden für 9 Uhr Früh beschieden. Von einem würdigen alten Herrn, dem ersten der Gabboim empfangen» wurden wir in einen kleinen aber netten Warteraum geführt und ersucht, für kurze Zeit Platz zu nehmen. Zugleich brachte der genannte alte Herr die Entschuldigung vor, daß uns heute, da gerade der siebzehnte Tamus war, mit nichts außer Cigarren aufgewartet werden könne, fügte aber toleranterweise hinzu, daß, falls wir's wünschten» eine Ausnahme gemacht würde. Wir lehnten selbstverständlich dankend ab. Nach einer Viertelstunde Wartens wurden wir von demselben, der uns draußen empfangen, abgeholt und zum Rabbi geführt. Wir betraten einen großen, lichten, modern ausgestatteten, eleganten Raum und erst nach einigen Augenblicken wurden wir des Mannes gewahr, zu dem uns unser Weg geführt. Er saß ganz oben in einem Winkel auf einem Lehnstuhl, in gerader, vornehmer Körperhaltung, die Füße auf einem niederen Schemel, und die Rechte leicht gestützt auf einen neben ihm und hart an der Wand stehenden Tisch. In der Linken hielt er ein sehr langes Pfeifenrohr mit großem Bernsteinaufsatz und that ab und zu leichte Züge aus der Pfeife. Er reichte uns freundlich die Rechte und lud.uns zum Sitzen ein- Wir setzten uns iu einem kleinen Halbkreise um ihn herum und hatten einige Zeit Muße, ihn genauer zu betrachten. Er ist ein schöner, stattlicher Mann von Mittelgröße mit regelmäßigen, edlen Gesichtszügen und langen wallendem Barte, dessen tiefes Schwarz hier und dort schon Silberfäden durchziehen — der Rabbi steht im 51. Lebensjahre. Wollte man sich ihn so vorstellen, wie man zahlreiche polnische Juden zu sehen gewohnt ist, nachläßig, unrein, verwildert, so würde man sich sehr irren. Kein Salonmann tritt reiner und netter auf als er. Das ist ein Erbstück seines Stammvaters, des berühmten Rabbi Beer — eines Zeitgenossen des Bescht welcher von 1700—1771 gelebt hat. Der hat viel auf äußeren Prunk gehalten, und von ihm an kleiden sich alle seine Nachkommen nur in Seide und Atlas und wohnen in Prunkgemächern, in denen eine peinliche Sauberkeit waltet, und eine vornehme Eleganz, wie man sie nur i» Palästina antrifft. Ursprünglich in Rußland seßhaft, übersiedelte der Großvater des gegenwärtigen Rabbi Israel, der denselben Namen führte, in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nach Oesterreich. Er hatte sich flüchten müssen, weil sein Reichtum und seine Prachtliebe den Neid seiner Gegner und Feinde erweckt hatten. Man denunzierte ihnbei den russischen Behörden, daß er nach der Köuigswürde in Palästina strebe.