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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 244

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 durch diese endlosen Verknüpfungen gleichartiger Sätze oft ganz eigenartige Gebilde zustande, deren Sinn mitunter nicht ganz leicht zu enträtseln ist. Anderseits läßt sich nicht leugnen, daß eben durch diese Einfachbeit, wo sie richtig angewendet wird, auch der Eindruck großer Erhabenheit erzielt werden kann. Wer, der einigen Sinn für Poesie hat, könnte sich diesem Eindruck entziehen, wenn er etwa die drei ersten Verse der Genesis liest. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde und die Erde war wüste und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Es ist wohl begreiflich, daß man die Sprachen der semitischen Völker vor allem als zum Ausdruck der religiösen Empfindungen geeignet gefunden hat. An Ausdrücken für diesen Kreis von Begriffen sind sie, zumal vom Hebräischen gilt dies, überaus reich, in dieser Beziehung hat die Litteratur des israelitischen und jüdischen Volkes klassische Erzeugnisse aufzuweisen. Für die religiöse Erziehung der einzelnen wie der Völker sind die Geschichten der Genesis, für den Ausdruck religiöser Stimmung die Psalmen, für die Forderungen einer auf religiösem Grunde ruhenden sozialen Ethik die Worte der Propheten unübertroffene Muster, wie schon aus der Thatsache hervorgeht, daß von diesen uralten Denkmälern immer wieder neues Leben ausgeht. Wo bei semitischen Völkern wirklich große Ideen das geistige Leben durchwalteten, da fehlte es nicht an der Fähigkeit zu großem poetischem Ausdruck- Wirklich große Gedanken aber haben die Angehörigen der semitischen Rasse nur auf religiösem Gebiete aufzuweisen. Hier aber hat das kleine israelitische und jüdische Volk alle seine Verwandten um weite Strecken zurückgrlassen. Daß die Poesie des Alten Testaments, der Psalmen und Propheten, des Buches Hiob und Jesaias alle andere semitische Poesie, und zwar weit übertrifft, ist allgemein bekannt. Aber auch hier ist es vor allem der Reiz der Gedanken, die poetische Situation, die Kraft des Ausdrucks, nicht die abgeklärte Schönheit; nicht maßvolle Harmonie, sondern die Kraft des Empfindens, das grandiose Pathos, welches den empfänglichen Leser entzückt. Alles in allem genommen läßt sich nicht bestreiten, daß an bleibenden geistigen Gütern die Menschheit dem kleinen israelitisch-jüdischen Volk weit mehr verdankt, als der so glänzenden, aber rasch entschwundenen Kultur der Araber. Ohne daß wir uns dessen bewußt sind, und trotzdem, daß viele es nicht zugestehen wollen, find wir mit tausend und abertausend Fäden an die Geistesarbeit auch der semitischen Völker, vor allem aber die jenes erstgenannten Volkes gebunden.

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