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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 243

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Date
1902-11-01
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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gesehen von dem universalistischen Aufriß der Weltgeschichte im Alten Testament, findet man nirgends eine originell semitische große Gesammtauffassung. Endlich fehlt den Semiten eines, was in gedankenloser Weise ihnen sehr oft beigelegt wird, nämlich wirkliche, produktivgestaltende Phantasie. Man spricht zwar unendlich oft von der orientalischen Phantasie, allein dieselbe ist hier meist aus Seite derer, die davon sprechen. Es hat keinen Wert hier über die verschiedenen Sorten von Phantasie zu reden. Thatsache ist nur, daß das, woran man gewöhnlich denkt, wenn man von orientalischer Phantasie spricht, nicht semitischen, sondern persischen und indischen, d. h. indogermanischen Ursprungs ist. Die Märchen aus 1001 Nacht stammen aus Indien, Firdusi ist ein persischer Dichter- Die babylonische Mythologie ist höchstwahrscheinlich im wesentlichen vorsemitischen. Ursprungs und von den einwandernden Semiten nur übernommen worden, die Kunst der Assyrer und der vorderasiatischen Kultur ist wohl Phantastik, zeigt aber nicht Phantasie. .Die Vorliebe der Orientalen für Bilder und Gleichnisse ist nur Streben nach Anschaulichkeit, wie es alle Völker auf einer gewissen Stufe ihrer geistigen Entwicklung zeigen, aber jene herrliche gestaltenbildende Kraft, wie sie die mythologischen Figuren der Griechen oder auch der Germanen zeigen, geht dem echten Semiten, zumal dem Araber, gänzlich ab. Eine der wichtigsten Erscheinungen, nach denen sich die geistige Kultur eines Volkes beurteilen läßt, ist die Sprache. Die griechische Sprache allein berechtigt zu dem Schlüsse, daß das Volk, das sie ausgebildet, ein geistig hochbegabtes ge- . wesen sein muß. Die semitischen Sprachen zeichnen sich im allgemeinen durch große Einfachheit aus. Aus einfachem Bestände wird mit wenigen Mitteln nach bestimmten Gesetzen, die mit mathematischer Konsequenz angewendet werden, alles einzelne folgerichtig gebildet. Wortarm sind die semitischen Sprachen nicht, aber großenteils arm an Mitteln für den Ausdruck abstrakter philosophischer Begriffe. Das Arabische besitzt ' eine ungeheure Menge Worte, aber der Gesichtskreis, den sie umfassen, ist einförmig, eng, wie die Wüste mit ihren wenigen Eindrücken es mit sich bringt. Man kann" sich leicht vorstellen, wie hilstos diese Sprache, die für das Leben der Beduinen mit seinen stets gleichbleibeuden einfachen Verhältnissen geschaffen war, den Problemen gegenüber stand, die in Aristoteles Logik und Methaphysik bearbeitet werden. Vom Hebräischen kennen wir nur wenig Worte, da das Alte Testament den Sprachschatz nur unvollständig überliefert; reicher, wenn auch mit vielen Entlehnungen ist das Syrische, das für die geistige Kultur der Araber von größter Bedeutung geworden ist. Eigentümlich ist auch der Mangel der semitischen Sprachen an Mitteln zu wirklichen syntaktischen Verbindungen, nur das Arabische und Syrische machen Ansätze dazu, aber von einem wirklichen Perivdenbau ist keine Rede. „Und, und, und," so werden endlose Sätze aneinander gehängt; wo der Nachsatz beginnt, welches der logische Hauptsatz ist, bleibt dem Leser überlassen, herauszubringen; so kommen

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