Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 231 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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zu seiner Ueberraschung, daß es seine eigenen Gedichte waren, mit denen sich die schöne Jüdin beschäftigt hatte. „Gefallen Ihnen die Gedichte?" fragte er rasch. „Gewiß", erwiderte das Mädchen. „Ich glaube, sie müssen jeden ergreifen. Der Dichter scheint recht unglücklich zu sein". „Sie können recht haben, Esterka", sagte Lenau, „ich selbst bin es, der die Verse gemacht hat". Da das schöne Mädchen ihn halb erschreckt, halb zweifelnd ansah, zog Lenau lächelnd seinen Reisepaß hervor und zeigte ihr denselben. Jetzt, wo sie daran glauben mußte, daß er der Dichter der Schilflieder war, welcher ihr gegenüber stand, wich sie fast ehrerbietig zurück und ihre dunklen Augen hingen mit kindlicher Begeisterung an seinem farblosen, düsteren Antlitz. Lenau hatte sich indeß an dem kleinen Tische, auf dem die Kerze brannte, niedergelassen und begann, während er die Hand über die Augen legte, Esterka einige seiner neuen noch ungedruckten Gedichte vorzutragen. Sie hörte stumm, tief ergriffen zu, und als er sie an diesem Abend verließ, zögerte sie. ihm wie sonst die Hand zu reichen. So verging ein Jahr und wieder rückte die Zeit der großen jüdischen Feste heran. Lenau wollte einmal eine Laubhütte sehen und Esterka führte ihn mit der unschuldigen Miene eines Kindes in die aus grünem Laub erbaute und mit Blumen und Früchten geschmückte Hütte. In dieser Stunde gestand er dem Mädchen zum ersten Mal, daß er sie liebe. Sie schien weder erschreckt, noch verwundert und murmelte: „Ich bin so glücklich, zu wiffen, daß ich etwas in ihrem Leben bedeute, aber das ist auch Alles. Niemals können wir uns angehören, Alles trennt uns, vor Allem unser Glaube. Ich will Ihnen eine Geschichte erzähen: Als Bogdan Chmielnizki, der Kosakenhetman, seinen Rachezug gegen Polen unternahm, das Land weithin verwüstete, Städte und Dörfer plünderte und niederbrannte, den polnischen Adel schlachtete, fielen auch mehr als fünfmalhunderttausend Juden unter dem Schwerte der Kosaken. Viele Tausende flohen in die Nachbarländer und damals ivar es auch, wo meine Ahnen hier eine Zufluchtsstätte fanden. Ein Kosak hatte ein schönes Judenmädchen geraubt und wollte es zwingen, sein Weib zu werden. Als die Unglückliche sah, daß es für sie keine Rettung mehr gab, beschloß sie, lieber zu sterben, als den Glauben ihrer Väter abzuschwören. Sie bot dem Kosaken an, ihm eine Salbe zu bereiten, deren Gebrauch ihn schuß- und hiebfest machen werde. Nachdem sie dieselbe bereitet hatte, bestrich sie sich mit ihr und forderte den Kosaken auf, seine Pistole auf sie abzuschießen. Er that es und das Mädchen stürzte tot nieder. Und diese Geschichte sagt mehr als tausend Worte . . . ." Lenau gab ihr Recht. Er kam nach wie vor in den Trödlerladen und schien zufrieden, wenn Esterka ihm einen Blick schenkte. Eines Tages nahm er jedoch plötzlichen Abschied. „Wohin gehen Sie, weshalb wollen Sie mich verlassen?" fragte Esterka, die noch bleicher geworden war. „Ich kann nicht mehr", milrmelte Lenau, „ich liebe Dich zu sehr". Da legte die schöne Jüdin die Arme um ihn und zum ersten Mal berührten sich ihre Lippen. „Jetzt gehen Sie", flüsterte sie, „leben Sie wohl für immer! „Lenau warf rasch ein paar Verse auf ein