Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 230 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969903--6726-2976076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
getrocknet und Trauernde getröstet hat? Nehmen wir auf in uns diese himmlischen Stimmen, diese wahren Boten des Friedens und der Liebe, wie sie ausgenommen zu werden verdienen, und wenn wir gebetet und die heiligen Formen des Gottesdienstes beendigt haben werden, wollen wir die Erinnerung daran in einem stillen Winkel unseres Herzens aufbewahren, als eine Kraft, als eine Ermutigung, als einen Segen. Micolaus Lenau und Ksterka Aramit. Eine interessante Episode aus dem Leben des Dichters Nicolaus Lenau, dessen 100. Geburtstag jüngst in seinem Heimatlande Ungarn feierlich begangen wurde, dürfte gerade jetzt von Interesse sein. Eines Abends im Jahre 1833 traf Lenau in einer entlegenen Straße des damaligen Judenviertels in Wien einen polnischen Juden, welcher, das bleiche Gesicht dem Monde zugekehrt unverständliche Worte vor sich hinmurmelte, von Zeit zu Zeit seinen Kaftan schüttelte und in die Höhe hüpfte. Der Dichter trat an ihn heran und befragte ihn nach seinem Thun. „Ich bete", gab ihm der Jude zur Antwort, „man nennt das den Mond heiligen, indem man ihn zur Hilfe ruft gegen Feinde und Neider". Lenau trat mit dem Manne in ein lebhaftes Gespräch und wurde zum Schluffe zum Besuch der kleinen polnischen Synagoge eingeladen. Am Kolnidre-Abend suchte der Dichter das kleine, in einer engen Straße gelegene Gotteshaus auf, wo „die echten Kinder des Ostens" in ihren weißen Grabgewändern beteten. Während gerade ein herrlicher Gesang angestimmt wurde, warf Lenau einen Blick auf die niedere Gallerie, auf der sich die Frauen befanden, und entdeckte hier einen schönen Mädchenkopf von wunderbarer Sanftmut, bleich, von schwarzen Flechten umrahmt, der ihn zugleich entzückte und rührte. Als der Gottesdienst zu Ende war, folgte er dem reizenden jüdischen Mädchen, das an dem Arme eines alten Mannes den Heimweg antrat, bis zu dem alten halbverfallenen Hause, in dem die beiden wohnten, und kehrte dann heim, um die Nacht hindurch bis zum Morgen auf seiner Geige die melodiereichen, ergreifenden Weisen des Kol-Nidre-AbendS nachzuspielen. Seit diesem Abend ging Lenau täglich, wenn eS dunkel geworden, an dem Hause vorüber, in dem das schöne Mädchen wohnte. Ihr alter Vater hatte einen Trödlerladen zu ebner Erde, ein kleines Gewölbe angefüllt mit allen möglichen Dingen. Eines Abends trat der Dichter ein und begann die Bücher, welche in einer Ecke lagen, zu besichtigen. Das junge Mädchen, das sich Esterka Axamit nannte, zeigte und empfahl ihm verschiedene Werke und verriet dabei viel Bildung und Urteil. Es währte nicht lange und Lenau war täglicher Gast in dem kleinen Trödlerladen. „WaS haben Sie da für ei» Buch?" fragte er sie eines Tages. Sie reichte ihm den Band und er entdeckte H $