Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969903--6724-2976074- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die eigentliche Erziehung der Seele, die Erziehung durch die Religion in den Hintergrund gedrängt, wenn nicht ganz vergessen. Wie oft — erlaubt mir diese Enthüllung — wie oft kommt eS nicht vor, daß israelitische Eltern den Lehrern, denen sie ihre Kinder anvertrauen, die Erklärung abgeben, daß sie auf den Unterricht in der Religion nicht viel Gewicht legen? Sie bekennen dadurch offen ihre Verachtung oder doch ihre Gleichgültigkeit, für ihr Bekenntnis, für das Bekenntnis ihrer Väter, für die Religion, ja für Gott selbst. Vergebens suche ich nach dem Grunde einer Ausschließung von aller religiösen Belehrung. Sollte etwa das der Grund sein, weil diese im Leben zu nichts nützt, weil sie zu keinem praktischen Erfolge führt? Wahrlich, ein erbärmlicher Grund. Muß denn alles auf der Waage des Interesses gewogen werden, und welchen JntereffeS? — Mißtraut man etwa einen« Unterricht, der sich an die geheimsten Tiefen der Seele wendet? Möglich, die Religion, ich weiß es, kann gefälscht werden, wie alle menschlichen Gefühle: Mißbräuche aller Art, der Aberglaube mit seinen kindischen Handlungen, die falsche Frömmigkeit, die sich mit Aeußerlichkeiten begnügt, die Scheinheiligkeit, die sich in eine irreführende Maske hüllt, die Unduldsamkeit, die keinen Widerspruch duldet, — ich kenne all dies schlechte Unkraut, daS den Garten Gottes entwürdigt. Was täglich vor Augen geschieht, spricht laut genug, sodaß man es nicht erst hervorzuheben braucht. Allein ist eS dies, was man ' vom Judentume fürchtet, oder von denen, welche die Ehre und die Pflicht haben, dasselbe der Jugend zu lehren? Nein, glaubt es mir, alle, die solch ungerechtes Mißtrauen hegen: solche Lehren sind weder in unserem Geiste, noch nach unserem Geschmack, noch in unserer Geivohnheit. Das Licht, daS wir verbreiten wollen, gleicht nicht jenen Irrlichtern, welche den Wanderer täuschen, anstatt zu führen. WaS ist denn der Inhalt unseres Unterrichts, oder vielmehr der Unterricht des Judentums. Wir sprechen zu den Kindern von Gott, von seiner Größe, von seiner Heiligkeit, von seiner Liebe, von dem Gesetz, daS er den Menschen vorgezeichnet hat, und von dem Lohn, den er mit der gewissenhaften Erfüllung der Pflicht verbunden hat; wir erzählen ihnen von Israel und seiner bald ruhmvollen, bald schmerzensreichen, aber innner lehrreichen Geschichte, von der Sendung, die es um den Preis der größten Opfer in der Welt erfüllt hat, — glücklich, wenn wir dahin kommen, diesen jungen Herzen die Liebe für unsere bewunderungswürdige Vergangenheit und die Begeisterung für unsere edle Sache einzuflößen; wir sprechen zu ihnen von dem sinaitischen Gesetze, einem Gesetz der Liebe, der Freiheit, der Menschenfreundlichkeit, und wir zeigen ihnen, daß die schönsten Eroberungen der modernen Bildung in diesem Gesetz ihren ersten Ursprung haben; wir sprechen zu ihnen von unseren gottesdienstlichen Uebungen und ohne deren Bedeutung zu übertreiben, erklären wir ihnen, daß diese den Zweck haben, den höchsten Wahrheiten des Glaubens einen sichtbaren Ausdruck zu geben und das GotteSbrivußtsein unserem Geiste stets gegenwärtig zu erhalten; wir lehren ihnen Pflicht, Arbeit, Ehre, und wir suchen sie zu überzeugen,