Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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227 wären glücklich, den Frieden, der ihnen fehlt und die Ruhe, die sie flieht, im Glauben wiederzufinden. O» wie oft ist das zu spät. Wenn die Kohlen erst ganz erloschen sind, könnt ihr nicht mehr die flammenden Funken daraus Hervorbringen; wenn die Pflanze abgestorben ist, weil ihr Wärme und Tau gefehlt, ist nichts mehr imstande sie zu beleben. Die Religion, o vergesset das nicht, ist gleich allen großen menschlichen Gefühlen: sie verlangt, daß man sie pflege, nähre und erhalte. Der Mensch verdankt fast alles, was er ist und waS er bedeutet, der Erziehung, und seine glänzendsten Fähigkeiten siechen dahin und sterben, wenn sie nicht gepflegt werden. Dieser Mensch fühlt gleichsam einen Schauer der Bewunderung vor einem großen Schauspiel der Natur, während der andere nichts sieht, nichts begreift und nichts bewundert; er bleibt kalt vor den großartigsten Schöpfungen des menschlichen Geistes und bemerkt nichts als ein Gemisch von Farben oder eine grobe Materie, wo das geübte Auge des Kenners mit Entzücken ein erhabenes Werk der Kunst betrachtet. Woher kommt diese überraschende Verschiedenheit unter den Menschen, wenn nicht von der Erziehung? Ja, selbst das moralische Gefühl ist diesem Gesetze unterworfen. Es gibt Menschen, welche das Unglück haben, nur schwer das Gute vom Bösen unterscheiden zu können, welche in Folge einer fehlerhaften Erziehung keine Achtung kennen vor dem heiligen Recht des Eigentums, noch vor einem Unrecht zurückschrecken, wenn ihr Interesse im Spiel ist; während andere in ihrem edlen Herzen, in ihrem zarten Gewissen stets erfüllt sind von Zweifeln, von Demut, und dem drückenden Bewußtsein, stets zurückzubleiben hinter dem Ideal der Gerechtigkeit, der vollkommenen Güte, der unbedingten Gesetzmäßigkeit, das sie sich gebildet haben. Ganz so verhält es sich mit der Religion. Wollen wir, daß unsre Seele dieser heiligen Freuden, dieser göttlichen Tröstungen, dieser glänzenden Hoffnungen, welche das Eigentum der Frommen sind, nicht entwöhnt werde, so ist es nötig, daß wir uns einer langen und strengen Selbsterziehung unterwerfen. Wollen wir, daß aus unfern Kindern Männer und Frauen werden, welche alle die Gaben und alle die Kräfte besitzen, die den Schmuck und den Schutz des Lebens bilden, so ist es nötig, daß wir zur rechten Zeit uns daran machen, die Keime der Frömmigkeit und des Glaubens, die in ihrem Herzen sind, zur Entfaltung zu bringen; so ist eS nötig, daß wir unsre ganze Sorgfalt» unsre ganze Aufmerksamkeit dieser ebenso zarten wie wertvollen Pflanzung zuwenden, welche um zur Reife zu kommen, Sonne und Tau verlangt: die Sonne unsres Glaubens und der Tau. unsre- Wortes und unsres Beispiels: „Wenn deine Kinder in Gott unterrichtet sind, vertraut mit dem Gottesgedanken, dann wird ein reicher Friede ihnen zu Teil werden." (Jesaia 54, 13.)- Man ist anspruchsvoll für seine Kinder; man möchte ihnen, wenn es möglich wäre, die ganze Wissenschaft beibringen, alle nützlichen Kenntnisse, alle Künste der Unterhaltung, was erleuchtet und erfreut, nichts hält man für unbedeutend und man hat Recht. Aber durch eine sonderbare Verirrung, die leider nur zu häufig ist. wird