Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 226 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969903--6722-2976072- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ich gestehe es, daß ich nur schwer den Mut verstehe, mit welchem so viele Menschen unserer Zeit es wagen ohne Religion zu leben. Man glaubt, von seiner stolzen Unabhängigkeit, von der Geistesüberlegenheit, von Charakterstärke Beweise abzulegen, wenn man gegen dasjenige, was die Menge glaubt und übt, den Gleichgiltigen oder den Gegner spielt; man hält sich für einen starten Geist, einen freien Denker, ohne zu merken, daß nian sich damit nur ein Armutszeugnis ausstellt und der Enge und der Ohnmacht des Geistes beschuldigt. Man spricht: „Was mich betrifft, mir genügt es, ein redlicher Mann zu sein; ich gebe meinen Kindern eine gute Erziehung, ich erfülle gewissenhaft meine Pflichten, ich thue meinem Nächsten kein Unrecht; leidet er Not, so rührt mich sein Elend, und ich schlage keinem Hungrigen ein Stück Brot ab. Was will man mehr? das ist mir genug." O nein! das ist nicht genug. Wer versichert dich, daß die Religion die du so gering anschlägst, nicht das höchste Zeichen deiner Würde ist, das auch allem anderen erst die Krone aufsetzt? Wer versichert dich, daß du, indem du freiwillig die Grenzen deiner Gedanken und Gefühle so eng ziehst, nicht dadurch deine innere Freudigkeit verminderst? Wenn du keinen Glauben hast; wenn du nicht mehr glauben, nicht mehr beten, nicht mehr hoffen kannst: worauf willst du denn noch stolz sein? Ich kann dich dann vielmehr nur sehr beklagen: Du bist dann für mich wie ein Blinder, der — o der Armselige! — sich brüstet, niemals von den Strahlen der Sonne geblendet worden zu sein. Nein, tausendmal nein, das Ideal eines Menschen kann nicht darin bestehen, sich seiner stolzesten Krone zu berauben. Nicht ich bin es, der dies sagt, sondern der Prophet, der im Namen Gottes spricht: „So spricht der Ewige, es rühme sich nicht der Weise seiner Weisheit, und nicht rühme sich der Reiche seines Reichtums! Sondern das ist es, dessen man sich rühmen soll: Mich erkennen und begreifen, mich, den Ewigen, der Liebe, Recht und Güte übt auf Erden. Das ist es, was ich liebe, spricht der Ewige." (Irrem. 9, 22—22.) Gott begreifen und erkennen, ja, das ist die erhabene Quelle, aus welcher alle großen Gefühle entspringen und in welcher ewig sich erfrischend die Redlichkeit, die Gerechtigkeit, die Liebe sich versenken. — Die Moral, sagst du, ist dir teuer; du glühst für ihre heiligen Gesetze. Aber weißt du denn nicht, daß Gott die Grundlage der Moral ist, daß Gott der Gipfel der Moral ist und daß die Moral, ohne Gott, weder Macht, noch Ansehen, noch Dauerhaftigkeit besitzt? — Du liebst die Familie mit ihren Freuden, ihren Pflichten und ihren Opfern .... aber glaubst du denn, daß nicht auch sie, ja auch sie, Gott und Religion braucht, um ihre Würde zu schützen und ihr Glück sicher zu stellen?- Aber ich beeile mich hinzuzufügen, daß es nicht genügt, die Religion nach ihrem hohen und wahren Werte zu schätzen, sie will gepflanzt, sie will anerzogen sein. Sie entsteht nicht nach unserer Willkür und nach unserem Wunsche. ES gibt viele Seelen, welche die eitle Hoffnungslosigkeit der menschlichen Dinge erkannt haben, welche alles gekostet, auch die Bitterkeit von allem erfahren haben. Sie ''I 4 I