Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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224 gessen, und welche, nach den Worten unseres Textes, wie ein wohlthätiger Thau auf die öde Gewöhnlichkeit unserer Tage sich ergießen. Laßt uns erkennen, daß diese großen Feste, welche wir heute beginnen, indem sie das religiöse Gefühl in unS lebendig erhalten oder wiederbeleben, für uns eine unschätzbare Wohlthat sind und uns einen unendlichen Dienst erweisen. ’ -Wenn es ein großes Unglück ist, beraubt zu sein eines der i\ Sinne, welche uns in dem Verkehr mit der äußeren Welt und mit der Gesellschaft >'• unserer Nebenmenschen eintreten lassen, so ist es sicherlich ein sehr viel größeres Unglück, jenen inneren Sinn, jener höheren Fähigkeit nicht zu besitzen, die uns mit Gott und mit dem ewige» Vaterlande der Seelen in Verbindung setzen. Es gibt ganz andere Taube, als diejenigen, welche mit dem Organ des Gehörs nicht hören; es giebt noch andere Blinde als diejenigen, welche mit den Augen des Körpers nicht sehen. Das sind jene Blinden und Tauben, deren tiefe Unseligkeit der Prophet in so kräftigen Ausdrücken beschreibt: „Ihr, die ihr taub seid, hört! Ihr Blinde, öffnet die Augen und seht!" (Jesaia 42, 18). „O, befreit ein blinde- Volk, das Augen hat, Taube obgleich sie Ohren haben!" (ibick. 43, 8.) Dasind jene Menschen, welche mit den Dingen der Erde so fest verbunden sind, daß sie für den Himmel keinen Blick haben: die so vollständig beherrscht sind von den weltlichen Bewegungen, daß sie weder die Ermahnungen ihres Gewissens, noch den wiederholten, bald strengen, bald liebevollen Zuruf Gottes vernehmen, jene Menschen, welche so befriedigt sind von dem, was neben ihnen ist, daß sie gar keine Aufmerksamkeit haben für das, was über dem niedrigen und engen Gesichtskreis liegt, in / dem sie sich eingeschlossen halten; die ein Leben ohne Gewissen führen, ohne je da- / Bedürfnis noch die Seligkeit der Religion zu kennen. O, wie schön wäre daS Werk desjenigen, welcher ein solches Uebel zu heilen vermöchte, welcher ein Mittel % entdecken würde, diesen Augen ihre Blindheit zu nehmen, diese Ohren zu öffnen, l die gegen alles, was nicht weltlichen Lärm, Wirrwar der Leidenschaft, Kampf der ’ Interessen ist, verschlossen sind! Welchen Dank müßte man dem entgegen bringen, der hier das Recht hätte zu sprechen: „Ich bringe dir Heilung und ich beseitige j das Uebel, an dem du leidest" (Irrem. 30, 17), der die Wunde schlöße, welche j man unserer Zeit zum Vorwurf macht: die religiöse Gleichgiltigkeit, die ausschließliche Jagd nach Vermögen und die gierige Sucht nach Vergnügen und irdischer > Befriedigung! Gewiß, er würde noch viel mehr gethan haben für das Glück seiner Mitmenschen, als jene Heroen der Wohlthätigkeit und der Wissenschaft, deren An- ' denken eine Krone des Ruhms umgibt. ) Man kan» den Wert des religiösen Gefühls gar nicht zu hoch anschlagen, > man wäre nicht imstande den ganzen Abgrund der Leere zu ermessen, die in den / Seelen zurückblieben, wenn das religiöse Gefühl abnähme oder verschwände. Ist die Religion nicht gleichsam der Abdruck der göttlichen Hand, die uns das Dasein /, gegeben, das zuverlässige Zeichen der hohen Bestimmung, zu der wir trotz unserer \\ .11,-