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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-10-01 · Heft 10 (Oktober 1902) · p. Seite 223

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 10 (Oktober 1902)
Date
1902-10-01
Page
Seite 223 (sequence 9)
Language
German
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Sicherungen, die im Laufe der Zeit in unserer Art zu denken, zu glauben, und zu leben eingetreten sind, unsere Tischri-Feste doch einige« von ihrem alten Ansehen und ihrer mächtigen Herrschaft über die Seele des Israeliten sich bewahrt haben. Selbst viele von denen, welche das ganze Jahr hindurch die Religion aus ihren Liebhabereien verbannt zu haben scheinen, indem sie sich ganz dem, was man die Tyrannei des Berufslebens nennt, hingeben, oder durch die Reize der weltlichen Vergnügungen sich fesseln lassen, — sie erwachen beim Herrannahen dieser heiligen Tage. Regungen, deren man sich gar nicht mehr fähig hielt, brechen hervor, wie aus einer verborgenen Quelle; alte, fast verwischte Eindrücke treten wieder zum Vorschein in einem geheimen Winkel der Seele, und man betritt wieder den Weg zum Gotteshause, dem man sich fast entfremdet hatte; man lauscht, nicht ohne Rührung, den Gebeten und Gesängen, welche eine Menge süßer und teuerer Erinnerungen wachrufen. ES ist ja wahr, diese alten Formen unseres Gottesdienstes, diese einerseits schüchternen, andererseits vertraulichen Gebete, diese durch die Zeit geheiligten Melodiken, diese fremdartigen Töne des Schophar, diese erhabenen Veranstaltungen der Andacht, die uns in die Jahre unserer Kindheit zurückversetzen, sie machen auf uns nicht mehr denselben Eindruck, den sie anf die kindlich tief frommen Seelen unsere Väter gemacht haben. Die „Jomin» nauroim", die furchtbaren Tage, flößen nicht mehr die religiöse Angst ein wie früher, und die kräftigen Bilder, durch welche die Ueberlieferung unser Fest kennzeichnet, indem uns Gott gezeigt wird in seiner erhabenen Eigenschaft als Richter, sitzend auf seinein Throne der Wahrheit, die Wage des Gerichts in seiner Hand haltend, alle Sterblichen der Reihe nach vor sich hinrufend, um von ihnen Rechenschaft zu verlangen über ihre Thaten und ihnen den unabänderlichen Richterspruch, der ihr Schicksal bestimmt, vorzntragen, — diese Bilder, sage ich, welche früher das unruhige Gewissen zittern machten, sind ■ kaum imstande unsere Ruhe zu stören. Aber ebenso wahr ist es, daß diese Feste die Pforte unseres Herzens der Religion Israels wieder eröffnen, so sehr diese das ganze Jahr hindurch vernachlässigt sein mag. Ohne diese Feste »väre das religiöse Gefühl, das von so vielen Umständen gestört und bekämpft »vird, in Gefahr sich zu verlieren und ganz zu verlöschen, ohne sie würde das Bewußtsein unserer Sendung, unserer Pflichten als Israeliten, der Gottesgedanke allmählich und unbewußt aus unseren Seelen verschwinden, >vas ein nicht wieder gut zu machendes Unglück wäre. Denn trotz aller unserer Fortschritte, trotz aller unserer Aufklärung und besonders unserer Ansprüche, können wir nicht die Religion, können wir Gott nicht entbehren. Ein Leben ohne Gott, ohne Religion kann kein wohl geordnetes und noch weniger ein glückliches Leben sein; ein Glück, dem jeder höhere Gedanke freind bliebe, gliche einem sehr gebrechlichen und unzulänglichen Gebäude; mit einem Worte: ein Mensch der sein ganzes Dasein auf die eintönige Alltäglichkeit zurückgeführt hätte, wäre kaum des Namens „Mensch" »vürdig. Begrüßen wir darum mit freudiger Dankbarkeit diese Feste, die es verhindern, daß wir uns selbst ver-

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