Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969903--6718-2976068- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 222 — Wir füge» zu dieser Holdheim'schen Ausführung noch folgendes hinzu: DaS alte Ceremonialgefetz, welches gegenwärtig nicht mehr auS dem biblischen Grunde nötig ist, uns von den Heiden, ihrem Wahn und ihrer Sittenlosigkeit zu unterscheiden, bildet nach unserer Ansicht auch nicht das geeignete Mittel, dem Judentum feinen originellen Charakter zu bewahren, wie noch jetzt manche wollen, und es in seinem Bestände zu erhalten, wie Mendelssohn glaubte. Eigenartigkeit und Fortbestand verbürgen ihm vielmehr nur die unvergleichliche Geschichte, die sein unveräußerliches Besitztum bildet, und die von Vieser Geschichte getragene Glaubens- und Sittenlehre, die den Stempel der Unvergänglichkeit an sich trägt. Ceremonien im Gottesdienste werde» immer vorhanden sein, denn sie verleiblichen dort den religiösen Gedanken, der ohne sie nicht zum Ausdruck gelangen würde; sie werden nur wechseln und sich veredeln, so wie der zu Grunde liegende Gedanke sich hebt uud veredelt. DaS Gottesbewußtsein aber, welches uns im Leben kennzeichnen soll, vermögen nur der Wandel, die würdige Haltung und die sittliche That zu verkörpern, durch die wir Zeugnis geben von dem Maße, in welchem der Glaube an den heiligen Gott, in dessen Ebenbild wir geschaffen worden, und an die Verbindlichkeit seines Gesetzeder Gerechtigkeit und Menschenliebe Einfluß auf uns übt. Die Ceremonien hatten wohl außerdem die Aufgabe, den Israeliten, insofern sie ihn durchs Leben begleiteten, ihn „im Hause und auf dem Wege, beim Niederlegen und beim Aufstehen" nicht verließen, daran zu erinnern, daß er überall heilig, überall von innerer Weihe durchdrungen sein müsse, daß er nicht blos in der Synagoge, sondern auch im ganzen Leben Gott zu dienen und nachzuwandeln habe. Indem wir jedoch dem Gesetze diese höhere Absicht beilegen und sie zu unserer Richtschnur machen, entledigen wir uns im prophetischen Sinne zugleich der niederen Pflicht, ihr durch äußere Verrichtungen, durch stellvertretende Symbole Genüge zu leisten. In diesem Sinnr hat die Gemeinde alle das gesellige Verhältnis zu den Genossen anderer Kulte, störenden Bräuche mit Einschluß der biblisch rabbinischen Speisegesetze aufgehoben. , Enthalten die letzteren gewisse Anordnungen, welche noch heute für die leibliche Ge- : sundheit beachtungswert und zum Teil verwendbar sein mögen, so lassen wir «ns dieselben von der ärztlichen Diätetik und nicht von der Religion vorschreiben. Wie die Sprache und die Landessitte hat auch die Frage der Gesundheit an sich nichts mit der alles Irdische überragenden Sache der Religion zu thun. Me MeNgion. Aus einer Rede zum Neujahrsfeste von Zadoe Kahn, Oranä Rabbin de France. „So wie ich Wasser ausgieße auf durstigen Boden und Bäche in die trockene Ebene, so gieße ich aus meinen Geist auf deine Näch^ kommen und meinen Segen auf deine Sprößlinge." Jesaia 44, j?. >,} Es ist ein großer Segen für das Judentum und ein wahrer Trost für diejenigen, welche für dessen Zukunft Sorge tragen, daß inmitten aller Ver- M