Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1902)
- Date
- 1902-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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220 durch den Genuß des ungesäuerten Brotes und prägen uns die Erinnerung an Gottes Lehre und Verheißung nicht durch die Inschrift (Mesusah) an den Thür- Pfosten unserer Wohnung ein. Alle diese Erinnerungszeichen haben wir aufgegeben, weil sie die Kraft der Mahnung und Einschärfung verloren haben. Die Schrift selbst gibt als Grund ihrer Einsetzung an,, daß sie dazu dienen sollen, das Gewissen zu schärfen, den Zusammenhang mit Gott zu verstärken, und das Andenken an seine Schöpferkraft, an seine mächtigen Werke in der Menschheit und insbesondere in Israel, an seine heiligen Gebote und au unsere Pflicht der Liebe und Dankbarkeit gegen ihn zu beleben.-Da jedoch heute Mahnungen und Erinnerungen durch das unmittelbare Wort, durch Lehre und Unterricht, wie sie die biblische Zeit nicht kannte, viel kräftiger bewirkt werden, das alte Mittel des Sinnbildes dagegen nicht .mehr seine fromm erweckende Kraft äußert, sondern zur leeren Form herabgesunken ist, so haben wir es aufgegeben. Die Anwendung eines Gebrauches, der seinen belebenden Einfluß verloren hat, ist auf dem Gebiete der Religion nicht statthaft, weil er abstumpfend wirkt und die Gleichstellung der sinnlichen Formen mit dem höheren geistigen Gehalte in fich schließt. Ebenso lassen wir statt der den heutigen ästhetischen Sinn beleidigenden Töne des Widderhorns, welches an die Stelle der einstigen Posaune getreten war, die tief ergreifenden Klänge der Orgel und des methodisch eingerichteten Gesanges erschallen, damit am Neujahr- und Bersöhnungstage die Sprache des Gewissens verstärkt und der Zweck ihrer Feier erfüllt werde. Nicht die Ceremonie, sondern ihre Kraft und Wirkung sind für uns maßgebend. Hatte doch schon Maimonides erklärt, die Absicht deS Posaunenschalls besiehe nur darin, die Seele aus dem irdischen Taumel zu wecken, sie an den Schöpfer zu erinnern und uns zur Untersuchung unseres Wandels zu bewegen, damit wir ihn bessern und jeder seinen bösen Weg verlasse. Wenn wir nun dies alles mit den alten Werkzeugen nur in geringem, mit den neu angewendeten dagegen in einem für unsere Kraft möglichst hohen Maße erreichen, so erfüllen wir eine dringende Pflicht, indem wir die unbrauchbaren Mittel beseitigen und diezweckmäßigen einer würdigen Andacht und erhebender musikalischer Begleitung dafür einsetzen. Ebenso verhält es sich mit Feststranß und Laubzelt. Statt uns ihrer zu bediene», feiern wir am Hüttenfest vielmehr in erbauender Betrachtung die Fügungen Gottes, der uns auch in der Wüste des Lebens nicht verläßt und uns in seiner Güte mit den Blüten und Früchten deS Segens erfreut. „Der Geist muß die Schale wechseln und für die ungleich höhere Stufe, die er erstiegen, sich eine neue ihr entsprechende Form schaffen." DaS absondernde Ceremonialgesetz ist auch im Leben für «NS gefallen. Die Ceremonialgesetze der Schrift sind nach dem gründlichen Beweise, den bereits Holdheim geliefert hat, den Israeliten für das tägliche Leben nur zu dem Zwecke gegeben worden, damit sie sich von den heidnischen Völkern, von deren götzendienerischen Anschauungen, rohsinnlichen Gewohnheiten und Lastern so fern als möglich