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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 213

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 213 (sequence 21)
Language
German
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213 Als eine moderne Renaissance mittelalterlichen Judenhasses ist in unseren Tagen der Antisemitismus entstanden. Wer ihn zuerst aufgebracht hat, läßt sich schwer bestimmen. Direkt veranlaßt hat ihn die Sozialdemokratie nicht,. im Gegenteil, sie zählt in ihren Kreisen, außer Marx selbst, viele auch reiche Semiten, aber der Haß gegen die kapitalistischen Blutsauger, der, die Sozialdemokratie schürt, trifft doch auch die iiauts finance der Juden. In weltlichen Kreisen ist er durch Schopenhauer, Richard Wagner, Lagarde und andere weit verbreitet und die verschiedenen Ritualmordprozesse zeigen, wie weit er sich erstreckt und welcher Fanatismus in antisemitischen Kreisen herrscht. Auch in kirchliche und theologische Gebiete ist er eingedrungen. Wie war dies in pietistischen Lagern vor 50 Jahren anders gestellt. Mit der größten Ausführlichkeit behandelt Jörg, offenbar in spöttischer Tendenz, in seiner Geschichte des Protestantismus das Thema der Judaeomanie in Würtemberg, die eschatologische Verirrung in Kornthal, die Auswanderung nach Palästina unter Hoffmanns Führung, die publizistische Thätigkeit der Brüder Paulus im Salon, dem Organ derselben. Die prophetischen Weissagungen in derbster realistischer Gestalt wurden als noch unerfüllt, aber der Erfüllung nahe hingestellt, die Vorzüge Israels, als das zur Weltherrschaft berufenen Volkes in glänzenden Farben geschildert und auf's tiefste bedauert, daß man selbst dem auserwählten Volke nicht angehöre. Die Templer zogen wenigstens in das Land derselben ein, um der großen Erscheinung nahe zu sein. In meiner Heimat, dem Wupperthal herrschten ähnliche pietistische Strömungen. Dort war „Der Stern aus Jakob" den ein israelitischer Convertil Israel Pick herausgab, weit verbreitet. Bon alledem ist kaum noch eine Spur vorhanden. Wohl unter dem Eindruck persönlicher Erfahrung in der Reichshauptstadt, wo das jüdische Kapital und jüdisches Geschäftsleben eine verderbliche Großmacht bildet, hat Stöcker, wenn auch ohne Haß und Fanatismus in konservativ-christlichen *1 die Sachen des Antisemitismus erhoben, und es sind dort so seltsame Pflanzen erwachsen, wie sie Graf Pückler in karikierter Gestalt zeigt. Die liberale Theologie und die Schule Ritschls ist von solchen Auswüchsen frei, dagegen ist die ultramontame Partei sehr dabei beteiligt, wie der Professor Rohling in Prag zeigte, gegen den der alte Delitzsch in würdiger Weise auftrat. Der Antisemitismus hat für die orthodoxe Richtung wenigstens den Segen gehabt, daß man sich das alte Testament und die prophetischen Weissagungen mit etwas anderen Auge» ansah. — Ueber die religiöse Erziehung von Kindern aus Mischehe» hat die königliche Regierung Köln, Abteilung für Kirchen- und Schulsachen» folgende Verfügung an die Landräte erlassen: „Gemäß der Allerhöchsten Deklaration vom 21. November 1803 sind Kinder aus konfessionellen Mischehen in der Religion des Vaters zu unterrichten. Hiervon darf nur dann abgewichen werden, wenn eine anderweitige Einigung der Eltern über die für die Erziehung ihrer Kinder zu wählende Religion erfolgt ist. (Allg. Landrecht II» 2. § 78). Zur Ver»

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