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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 209

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 209 (sequence 17)
Language
German
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209 Phidias und Michel-Angelo umsonst geschaffen. Aber gerade dies Gesetz lassen viele Strenggläubige mit einer weitherzigen reservatio nur gelten, die ihnen oft bei anderer Gelegenheit bitter not thäte. Im Judentum ist eigentlich alles plastisch und greifbar. Allerorten bemüht man sich, ein Ebenbild zu schaffen von dem, was auf der Erde oben und auf dem Meer unten ist. Mir scheint das Geo- und Anthropomorphische der Mosislehre gerade das große an ihr. Ein Narr, wer aus sich herausfahren will. Und ein Weiser, der seinen Gott nicht über sich, sondern in sich hat. Dies Realistische des „Hebräischen" steht dein geborenen Juden selbstverständlich am nächsten und erzieht ihn dazu, gleich Abraham über Flur und Feld zu gehen und die Mannigfaltigkeit der Naturgestaltung sinnend zu betrachten und lieben zu lernen. Liebe ist aber nach Leibniz die Freude an der Vollkommenheit eines Dinges. Die Juden eben sind nnendlich begabt für Aufnahme und Schöpfung bildender Kunst. Tragisch ist der Kampf, in dem ihnen von Verblendeten (jede soziologische Gruppe hat solche) die Sinne für diese Kunst gestumpft, und ihre Fähigkeit für sie gebunden wurden. Und herrlich ist oft die Erscheinung, wie der frei entwickelte Jude immer feinere Nerven erhält für die Kunst, „die leicht aus Licht und Farben webt Gestalten." Man kann noch weiter gehen: Wer lange geknechtet wurde (der Jude ward und ist es noch genug), der wird aufmerksam auf das Kleine dieser Erde, das vom stolzen Wanderer in den Höhen leicht übersehen wird. Der Sorgende wird vor' sichtig und neugierig und guckt in alle Ecken und Winkelchen. Wer bildende Kunst schaffen und aufnehmen will, muß aber besonders um die tausendfache Buntheit der Welt sich kümmern. Und man kann sagen, die Geschichte habe den Juden eigens für die bildende Knnft prädestiniert. Der Maler und Plastiker will und muß gleich Wilhelm Meister wissen, wie es innerhalb des Kasperletheaters aussieht. Wollen Israels und Liebermann das nicht auch? Der Jude muß alles anfassen, sagt ein Spottwort. Beim Formenbildner ist es ein Lob, beim Formenbetrachter ebenfalls. Eigentlich sind wir uns dieser Erkenntnis erst recht durch Wölfflin bewußt geworden. Wer in Öl und Marmor Philosopheme und Staatsaktionen sucht und damit der bildenden Kunst ihr unlösbaren Aufgaben zuschieben will, für den haben Lessing und der moderne Wölfflin vergebens geschrieben. Die bildende Kunst löst aber durch die Form das Problem der Ewigkeit und Unendlichkeit. Alle Dinge der Erscheinungsivelt spaltet sie auseinander, um sie von neuem zu binden. Und darin liegt eben ihr Charakteristikum, das sie vom Handwerk der bloßen Nachahmung unterscheidet. Darum ist die Neugier allein nicht das Ausschlaggebende. Sie muß gepaart sein mit dem Vermöge», die Ureinheit im Werke wiederzufiuden. Dem Juden wird die Zentralisierung nach der Diffusion von früh auf ins Blut gesenkt. Tausendfach wird ihm zugerufen: Dir offenbart sich im Vielen nur das Eine, Vollkommenste. So ist seine Seele gebildet wie ein Flügelmechanismus, der sich ausspreiten, aber dann wieder zusammenschließen kann. Mit diesen Kräften rezipiert

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