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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 208

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 208 (sequence 16)
Language
German
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208 fließend sind, daß Schwankungen nach oben und unten in allen drei Klassen sich bemerkbar machen. Ja, es giebt Kunstwerke, bei denen es gar uicht möglich ist, die Erregungspotenz für die Seele festzustellen. Ob die Fähigkeit der Kunstrezeption entwickelt ist oder nicht, immer üben gewisse Kunstenergieen auf alle Seelen die gleichen Wirkungen aus. Das nur in Paranthese für Ästhetiker, die Gedankliches aus der Kunst überhaupt ausschalten wollen. — Goethes Einteilung ist nur gut als Methode, weil sie die Richtung giebt, in der ein ideelles Resultat sich erzielen läßt. Sie hat aber einen Fehler wie jedes psychologische Axiom, das man absolut und allgemein aufstellt. Denn Kunstgesetze sind keine Konstanten, sondern veränderliche Werte. So strahlt auch nicht die Kunstenergie nach so ehernen Normen auf die Seele aus. Undefinierbare Jnhärenzen sieben die künstlerische Substanz durch und formen sie um auf die ihr gerade eigentümliche Weise. Darum ist nicht nur die geschaffene, sondern auch die aufgenommene Kunst „la nature, vue ä travers d’un temperament.“ Weil im corpus sociale ganze Gruppen nach Temperamenten sich scheiden, Welt- und Lebensanschaungen von Gruppe zu Gruppe variieren und innerhalb der Gruppe sich mannigfach abschatten, bedarf auch die soziologische Gruppe der Juden einer besonderen Erforschung ihrer Kunstpotenz, d. h. der psychischen Faktoren, von denen ihr Verhältnis zur Kunst bestimmt wird. , Es sind Ausnahmemenschen, die Kunstwerke nach rein ästhetischen Gesichtspunkten würdigen und würdigen können. Die wenigsten haben ihr Urteil — das schwierigste wohl für alle menschlichen Bethätigungen — geschult und entwickelt — und doch kritisieren sie fröhlich darauf los, als wäre nichts leichter als einen Brocken musischen Geistes auszufasern. Sie wollen nicht die Kunst, sondern mit der Kunst ihre Zwecke. Da lobt der Sozialist die „Weber", da hebt der evangelische Geistliche Gerocks „Palmenblätter" in den Himmel, da geraten gläubige Juden über des Freiherrn von Münchhausen „Juda-Lieder" in Entzücken. Und fragt man nach ihren Gründen, so hat keiner einen ästhetischen. Bon allerhand Anschauungen wird sein Urteil über ästhetische Dinge bestimmt. Uralt ist daher die Beobachtung, daß in der Gesellschaftsgruppe die Scheidung der Urteilssphären niemals absolut ist, sondern immer die eine in die andere überfließt. Gerade in jüngster Zeit ist viel geschrieben worden über die künstlerische Unfruchtbarkeit der Juden und ihre Ohnmacht, die wahren Höhen, auch nur im Genüsse, zu erreichen. Der Rassenfanatiker Houston-Chamberlain hat dieser Anschauung mit viel Prätension und wenig Beweiskraft das Wort geredet. Auf den ersten Blick scheint es fast, als ob er Recht habe. Denn wo ist noch in einer Religion so klar ausgesprochen, daß alle bildende Kunst Götzendienerei sei, und damit gleich ein gewaltiger Einschnitt in ihr zartes Fleisch gemacht worden? Es gab und giebt noch heute Juden, denen alles aus Licht, Farben und Formen gestaltete ein Greuel ist. Sie haben kein Auge für die Schönheit solcher Werke. Für sie haben

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