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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 207

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 207 (sequence 15)
Language
German
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207 Der Jude und die Kunst. Max Hochdorf, Berlin. Die ästhetische Schule, in deren Aufschwung der Begriff eines absolut Schönen als eines Dinges an sich lebt, hat in den letzten Jahren immer mehr ihre Anhänger verloren. Man hat sich von dem Einflüsse Kants emanzipiert. Die prüfende Urteilskraft vermag nicht mehr anzuerkennen, daß der Culminations- Punkt des künstlerischen Sehnens außerhalb der menschlichen Seele liegt. Wie ein unbekanntes Gestirn schwebte der Begriff „Schön," unberührt vom Bewußtsein. Man mochte alle Sinne schärfen, so sehr man wollte, es gab keine Möglichkeit, seine Lage und Eigenschaft auszuforschen. Nun wurde klar, daß man der heiß ersehnten Leuchte auf solche Art nie werde näher kommen können. In falschen Kreisen hatte man gesucht und ein Absolutes finden wollen, ein Konstruiertes, ein Gedichtetes. Man verließ die irrige Bahn und spähte nach einem neuen Zentrum aus. Man suchte das „Schöne" nicht außerhalb des Menschen, sondern in ihm. Und so kam man dem Richtigen auf die Spur. Es schaute aber ganz anders aus, als man gedacht hatte. Nichts Ewiges, nichts Absolutes ließ sich entdecken, sondern ein unendlich Gegliedertes, keine Erscheinung an sich, sondern eine Energie, „deren Wirken und formendes Prägen sich kundgiebt, deren Wesen aber unbekannt ist, wie die Beschaffenheit der Urkraft". (Siehe meinen Aufsatz, Monatshefte No. 6, 5, 122). Alle Bemühung lief nun darauf hinaus, die Kräfte der neu gefundenen Energie zu bestimmen. Vorher hatte man seine Aufmerksamkeit in die Höhe wie ein Astronom gerichtet, jetzt schürfte man, dem Bergmann gleich, in den Schächten und Tiefen der Seele. Man fragte nicht mehr: was ist „Schön", sondern: was ist der Seele schön. — Um eine Antwort zu erhalten, mußte man aber zuerst fragen: Wie läßt sie vom Künstlerischen sich befruchten? ' Goethe giebt uns eine Antwort. Er läßt einmal seinen Wilhelm Meister sagen: „Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas Vorgehen sieht, der Gebildete will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz Ausgebildeten angenehm." In drei Stufen teilt er also die seelische Vollkommenheit ein, und wir thun gut, seiner Art zu folgen. Der Unentwickelte von primitivem Geschmack befriedigt mit Kunst nur seine Neugier, seine Kinderfreude am Stofflichen. Und darum liegen seinem Verständnis die Dinge am nächsten, bei denen das Materielle zur Oberfläche sich drängt, darum wird das Dynamische in den Künsten seinen Neigungen am stärksten verwandt sein. Die Gebildeten reihen sich an. Sie wollen empfinden. Über die untersten Sprossen der Neugier find sie geschritten und suchen nun Befriedigung einer höheren Seelenkraft, der entotienellen. Auf dem Gipfel stehen die ganz AuSgebildeten mit ihrem Hange, sich vom Kunstwerke zum Sinnen anregen zu lassen. Wir müssen bemerken, daß die Grenzen durchaus nicht so stagnierend verlaufen, sondern

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