Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Herz und eine sittliche Seele gedrungen? Jesus muß seinen wahren Platz in der glorreichen Kette der hebräischen Propheten wieder erhalten." vr. Morris Raphael, (s. Th« Church of Scotland März 1897, S. 76), der mit anderen an einer neuen engl. Uebersetzung der heil. Schrift arbeitet, sagt in seinen Vorträgen: „Wenn Sie die Meinung eines Juden und Lehrers in Israel über das Verfahren gegen den Meister von Nazareth und über seine Verurteilung erfahren wollen, so stehe ich nicht an, Ihnen zu sagen, daß weder ich noch meine Glaubensbrüder sich mit diesem Verfahren einverstanden erklären oder seine Verurteilung aufrecht erhalten möchten. Ich als ein Jude sage: es scheint mir, daß Jesus das Opfer des Fanatismus wurde, der sich mit der Eifersucht und Herrschsucht einer jüdischen Hierarchie verband, gerade wie in späterer Zeit HuS und Hieronymus von Prag, Latimer und Ridley das Opfer eines Fanatismus wurden, der sich mit dem Neid und der Herrschsucht einer christlichen Hierarchie verband. Und während ich und die Juden der Gegenwart dagegen Widerspruch erheben, mit den Zeloten zusammengeworfen zu werden, welche an dem Verfahren gegen Jesum von Nazareth beteiligt waren, sind wir weit entfernt, seinen Charakter zu verunglimpfen oder seine Lehre zu verspotten, die in der That zu allermeist die Lehren deS Moses und der Propheten sind. Sie haben mich ihn unter den größten Lehrern von Israels nennen hören; denn diese Bezeichnung sind ich und die Juden ihm schuldig. Kein Aufgeklärter kann oder will leugnen» daß die Lehren, welche in seinem Namen gelehrt worden sind, das Mittel wurden, die wichtigsten Teile der eivilisierten Welt vom groben Götzendienst abzuziehen und das offenbarte Wort Gottes den Völkern bekannt zu machen, dessen wirkliches Wesen die Menschen, welche ihn verurteilten, wahrscheinlich nicht kannten." Rabbi S a l e e (s. Jew. Missionary Intelligence 1901, S. 80) sagt über den Weihnachtstag: „Die alten und neuesten Ueberlieferungrn Israels beurteilen den Mann aus Galiläa günstig, der wie die alten Propheten willig war seine Seele in den Tod zu geben, damit seine Ideale nach ihm leben möchten. Seine edlen und erhabenen Absichten sind nicht in Erfüllung gegangen; aber mit welchen Ideen ist dies je geschehn? Wir aber, die heutigen Juden, haben sicherlich keine Ursache sein Kommen in die Welt zu bedauern und haben allen Grund nach der Zeit auszuschauen, wo die Botschaft dieser Stunde ein Echo in dem Herzen und Leben der Menschheit finden wird. Das Evangelium Jesu war die frohe Botschaft von Israels eigener allgemeiner Wahrheit. Der Lehrer von Nazareth war unser Angehöriger und Verwandter, sowohl dem Fleische als dem Geiste nach. Wir verehren sein Gedächtnis, wir nehmen ihn als den unseren in Anspruch und gewähren ihm gern den hohen Rang, der ihm gebührt, den eines der größten Wohlthäter der menschlichen Familie. Wie verkehrt und thöricht ist es. wenn man von uns erwartet, daß wir in diesem Zeitalter der Aufklärung und der zunehmenden religiösen Gemeinschaft an diesem Tage klagen sollen oder unsere Augen vor dem Licht eigen»