Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 198 — und Kräfte, welche weit Edlerem gewidmet werden könnten, müssen dafür, wir können es nicht anders betrachten, verschwendet werden. Als wir hier die Anforderungen stellten, das neu zu gründende Bürgerhospital solle nicht die Juden ausschließen da rief man uns entgegen: ihr könnt ja doch nicht den dortigen Tisch teilen; wenn wir an den Freitischen der Königl. Universität uns beteiligen wollen, dann wird uns wieder dasselbe entgegnet, und was sollen wir darauf antworten im Namen der Gesammtheit? Bedenken sie aber ferner die ewige Entfremdung, welche gerade diese Speiseverbote in ihrem Gefolge haben, wie kann eine gesellige Annäherung stattfinden, wenn das Mahl ein geteiltes bleiben muß! Seitdem wir aber dem Vaterlande für die Erde unsere ungeteilte Liebe schenken, keinen träumerischen Hoffnungen für die Wiedererlangung eines jüdischen Staates nachhängen, ist auch das Bedürfnis einer vollständigen Anschließung an unsre Staatsgenossen, ohne Unterschied des Glaubens, ein so dringendes geworden, daß eine Störung der geselligen Verhältnisse geradezu den Glauben untergraben, ihm seine Würde und Weihe rauben heißt. Wie sollte auch uns das volle Vertrauen geschenkt werden, wenn dem Nichtjuden unser Fernbleiben von seiner Tafel als eine Geringschätzung, als eine Unreinerklärung erscheinen muß? Mögen wir immerhin diesen Vorwurf mit Entschiedenheit zurückweisen und die Versicherung geben, diese Verbote beruhten in ganz anderen Vorstellungen, der schlichte Sinn wird sie niemals anders auffassen, und die wohlthätigen Früchte eines immer allgemeiner werdenden und herrlich sich bethätigenden Gemeinsinnes und der Bruderliebe werden für uns verscherzt. Auch hier wollen wir keine bestimmten Anträge machen, es ist aber unsre Pflicht, Ihnen aus dem Leben heraus nachzuweisen, in welch' argen Conflikt diese Gesetze den Juden der Gegenwart mit allen seinen Bestrebungen verwickeln. Es kann Ihnen, hochwürdige Herren, nur erwünscht sein, einmal solche Stimmen aus dem Volke zu hören, welche sonst nicht laut werden, Stimmen von Männern, welche mit treuer Anhänglichkeit am Judentum ernste Wünsche für die Umgestaltung von dessen Formen verbinden, Wünsche, die sie lange in ihrem Herzen verschlossen hielten, weil sie zu ihrem Bedauern deren Beachtung nicht erwarten durften, die sie aber jetzt, nachdem die Zeit einen mächtigen Umschwung genommen, Ihnen, die Sie mit würdigem Ernste der hohen Aufgabe einer wahrhaften Regeneration des Judentums sich unterziehen wollen, offen und vertrauungsvoll auszusprechen sich gedrungen fühlen. Wir würden es als eine Gleichgültigkeit an der heiligen Sache» als eine Feigheit betrachten, offenkundige Thatsachen zu verhüllen; wir sind aber auch weit entfernt, unsre Aussprüche als maßgebend hinzustellen. Prüfen und erwägen Sie nach Ihrer Hinsicht und mit Ihrem Eifer; Ihrer Kenntnis und Ihrem Mute vertrauen wir, von Ihrer Hingebung für die heilige Sache dürfen wir erfreuliche Resultate erwarten. Uns aber bleibe das Bewußtsein, nicht unthätig bei den großen Erscheinungen der Zeit, bei heilverkündenden Unternehmungen geblieben zu sein. Seien Sie auch unsrer freudigen Unterstützung, soweit unsre Kräfte reichen, sicher.