Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Religion kann uns nicht erfüllen, sie kann nicht als eine Lebensmacht wirken, wenn sie ihr Jgnorirtwerden dulden muß, und das Streben muß dahin gehen, daß wir uns freudig zu allen ihren Lehren und Pflichten bekennen, ohne mit der ganzen Bildung der Zeit, ohne mit der ganzen Gestaltung des Staates und der Gesellschaft in Kollision zu geraten. Sie haben für die Gesetze des Sabbats gleichfalls eine Kommission niedergesetzt; wir wünschen deren Arbeiten ein recht gedeihliches Resultat, denn Sie berühren hier einen Punkt, der die größten Schwierigkeiten erzeugt. Sehen Sie sich um in Ihren Gemeinden und fragen Sie nach der Feier des Sabbats und der Festtage, und Sie werden sich überzeugen, der größte Teil der Juden, selbst diejenigen, welche als eifrige Wächter der Orthodoxie dastehen, haben eigentlich keine Feiertage. Die Kinder besuchen von Jugend an die Schulen am Sabbat der Lehrling im Handwerke und im Geschäfte muß an diesen Tagen seinen gewöhnlichen Arbeiten nachgehen, und wenn der junge Mann endlich selbstständig geworden, dann wird er schwer zu einer Feier sich entschließen, welche ihm nicht eine liebe Jugendgewohnheit ist, sollten es ihm auch seine Verhältnisse gestatten; und wie wenige können es in unfern Tagen, wenn ihre Umstände nicht zerrüttet werden sollen! Wie soll das Handwerk und der Ackerbau unter den Juden befördert werden, wenn ihnen noch ferner die Schwierigkeiten entgegenstehen sollen, welche die Feiertage ihnen entgegensetzen? und was soll der jüdische Beamte machen, wie wird er die Kollision mit den Pflichten gegen den Staat ausgleichen? Oder soll dies die Frucht unsrer Liebe gegen unser Vaterland sein, daß wir demselben unsre Thätigkeit entziehen? Wir legen Ihnen, hochwürdige Herren, keine Vorschläge vor, wir glauben blos auf diesen Punkt Ihre besondere Aufmerksamkeit richten zu müssen. Nehmen Sie nicht zu sehr veraltete Bücher zu Ihren Führern, das frische Leben drängt, und der offene Blick in dasselbe gebe Ihnen die Kraft und den Mut, Gebrechen zu heilen, die Tag für Tag gefährlicher werden. Nicht minder wichtig ist ein dritter Gegenstand, die verbotenen Speisen. Es ist «nsers Berufs nicht, zu untersuchen, ob die Gründe, welche diese Verbote hervorgerufen, heutigen Tages noch bestehen, noch weniger die Grenzen zu ziehen, zwischen den einfachen biblischen Vorschriften und den thurmhohen talmudischen Anhäufungen; aber das müssen wir aussprechen, daß dieses einen so weiten Umfang einnehmende Gebiet einen Krebsschaden unsrer religiösen Zustände ist. Die Küche ist die Zufluchtsstätte der Religion geworden, und das für alle religiösen Gefühle so empfängliche Gemüt der Frauen wird niedergedrückt durch die kleinliche Sorgfalt, in welcher ihr vorgeblich religiöses Wirken eingeschloffen wird. Der Rabbiner wird von seiner hohen Aufgabe abgeführt, um mit diesen minutiösen Details und mit Entscheidungen darüber sich abzumühen, die Thatkraft und die Geldmittel der Gemeinden werden für diesen unfruchtbaren Zweig vergeudet, eine Fleischverwaltung, Schlächter, gesonderte wohlthätige Stiftungen für jedes Elend werden nötig, weil doch die Gemeinde, mögen auch noch so viele Mitglieder derselben sich über diese Gebote hinwegsetzen, sie nicht ignoriren darf.