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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-09-01 · Heft 9 (September 1902) · p. Seite 196

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 9 (September 1902)
Date
1902-09-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 Geschlecht wächst heran, nicht in jenem dumpfen Hinnehmen, aber auch nicht in jener Ehrerbietung vor dem Bestehenden erzogen, ein Geschlecht das gewissermaaßen erst für die Religion gewonnen werden muß, bei dem nicht die Teilnahme voraus« gesetzt werden darf: was soll sein Loos, was soll das Loos des Judentums sein, wenn beide sich einander fremd bleiben, jenes keinen Glauben, dieses keine Bekenner hat? Um dieser drohenden Gefahr zu begegnen, genügen nicht untergeordnete Flickversuche; dazu bedarf es einer ersten Hervorhebung der ewigen jüdischen Wahrheiten und der Reinigung derselben von allem Schutte, der um sie sich lagert. Sie haben den Gottesdienst zum besondern Gegenstände Ihrer Aufmerksamkeit gewählt; wir wissen, die Verbesserungen, welche demselben an vielen Orten und auch an dem hiesigen zu Teil geworden, sehr wohl zu würdigeü, und verdanken diesen manche Stunde reicher Erbauung und Belehrung. Dennoch muß noch Vieles geschehen, wenn der Gottesdienst als ein Ganzes von veredelndem Einflüsse sein, wenn er nicht ein bloß verbesserter bleiben, sondern einerhebender werden soll. Wir können mit den Aussprüchen der „Auserwähltheit Israels", als genössen wir der besondern Liebe und Bevorzugung von dem Vater aller Menschen, mit dem Wunsche einer Rückkehr nach Palästina kein frommes Gefühl mehr verbinden, und wir müßten den Gottesdienst entweder verlassen, oder als ein bloßes Lippenwerk mitmachen. Wir können ferner in einem Gottesdienste, welcher in hebräischer Sprache abgehalten wird, die rechte Erbauung nicht mehr finden; wir ehren die Sprache, welche die Ursprache unsrer heiligen Bücher ist, sie soll aus unserer Mitte nimmer schwinden, aber zum Ausdrucke unsrer Gefühle ist doch nur die Muttersprache geeignet. Dem gegenwärtigen Geschlechte mögen auch noch die Gebete vielleicht teilweise verständlich sein, aber was werden unsre Kinder beginnen, die nicht ihre ganze Jugendkraft dieser einzigen Kenntniß widmen können und sollen? Sollen sie bei dem Worte, das aus dem Herzen strömen soll, ängstlich erst in einer etwa daneben stehenden Uebersetzung dessen Bedeutung erforschen? Die lange Dauer des Gottesdienstes und die oftmalige Wiederkehr derselben Gebete ist ein anderer Uebelstand, der dringende Abhülfe verlangt; ist es da ein Wunder, wenn daS Gotteshaus zur Predigt sich füllt, aber früher und später die Reihen der Andächtigen gelichtet sind? Der Gottesdienst ist allerdings ein lebendiger Ausdruck des frommen Gemeingefühls, der gemeinschaftlichen Ueberzeugung; wir gehören aber keinesweges zu denen, welche sich mit einiger Ausschmückung desselben begnügen- Die Religion, das Judentum ist uns etwas Höheres, etwas Heiligeres, als daß sie in eine Stunde der Andacht mit flüchtiger Einwirkung eingeschlossen werden könnte. Die Religion soll wieder, wie sie es bei unfern Vätern war, eine Ueberzeugung für das ganze Leben werden, sie soll ihre volle Ausprägung in unserm Denken und Thun erhalten, wir fühlen uns darüber in einer unheimlichen Be> klemmung, wenn uns Vorschriften, als unserer Religion angehörig, auSgegebeu werden, die wir tagtäglich weniger beobachtet, immer mehr bespöttelt sehen. Eine

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