Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 wir von einer ersten Zusammenkunft nicht erwarten, es mußten die Grundsätze von welchen bei der so notwendigen Reform anszugehen ist, erst mehr Klarheit und Festigkeit erlangen, und wir zweifeln nicht daran, daß die aufmerksame Beobachtung und die ruhige Erwägung im Laufe des vergangenen Jahres diesem Ziele viel näher gebracht haben. In diese Ruhe trat eine gewisse gegenseitige Bitterkeit, welche in Ihrer eigenen Mitte sich kund gab und die Sie auch vor dem Publikum nicht zurückhielten, störend ein, und wir dürfen es Ihnen nicht verschweigen, daß uns da Manches begegnete, was wir von ersten und würdigen Männern nicht erwarteten, daß das Vertrauen auf die leidenschaftlose Prüfung leicht erschüttert werden konnte. Umsomehr geben wir uns aber dem freudigen Glauben hin, daß die besonnene und würdige Haltung der Versammlung sich diesmal wieder bewähren werde. Wir wiederholen es daher; es hängt von der diesjährigen Versammlung sehr viel ab, und das allgemeine Urteil, welches bis jetzt noch nicht abgeschlossen hat, wird erst durch sie näher bestimmt werden. Wollen Sie es uns daher auch nicht verargen, wenn wir Ihnen unsre Wünsche für dieselbe kund geben; nicht Fragen und Forderungen richten wir an Sie, wir wollen Ihrer Einsicht vertrauen, aber als die Männer des Lebens glauben wir, Ihnen Bedürfnisse und Zustände enthüllen zu müssen, die Ihnen vielleicht in Ihrer Stellung weniger bekannt sind, weniger dringlich erscheinen mögen. Wir, die sämmtlichen Unterzeichneten, selbstständige Bürger und zum überwiegend größten Teile Familienväter, sind in pünktlicher Uebung aller alten jüdischen Satzungen, in der Heilighaltung des Judentums nach seiner ererbten Gestalt erzogen worden; das Leben und der Geist der Zeit begannen an uns zu rütteln, die Widersprüche und Schwierigkeiten erschütterten unsre Festigkeit, und indem wir das Judentum nach seiner Aeußerlichkeit beurteilten, wurden wir kaltsinnig und gleichgültig dagegen. Die Bewegung in demselben weckte unsre Teilnahme; die Liebe zum väterlichen Glauben war nicht erloschen, sie war nur zurückgedrängt, unb freudig umfaßte sie uns wieder, als eine Aussöhnung desselben mit der ganzen geistigen Errungenschaft, die mit allen höheren Gütern der Zeit in Aussicht gestellt ward. Ohne diese Bewegung wäre der bereits herrschende Jndifferentismus zu unheilvoller Macht gelangt, der begonnene Abfall vom Judentum in die Reihen der Gemeinden ohne Gegenwehr eingebrochen; während jetzt die innigste Teilnahme Alle durchdringt. Aber verhehlen wir es uns und Ihnen nicht: in der Bewegung liegt die Hoffnung, sie ist jedoch nicht das Ziel und die Erfüllung der gerechten Wünsche. Wenn diese Strebsamkeit, wie sie jetzt im Gebiete des Judentums herrscht, bloß ein unruhiges Treiben erzeugt nicht endlich die Religion in der Gestallt erscheinen läßt, daß eine wahrhafte Befriedigung durch ihre Formen und Vorschriften in die Herze» eindringe, daß sie auf das bürgerliche und gesellige Leben nicht hemmend, sondern veredelnd einwirke, dann dürfte die Teilnahme leicht wieder erkalten und die Enttäuschung noch traurigere Folgen haben, als die frühere Hoffnungslosigkeit. Ein neues