Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 9 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Aus weiter Ferne begrüßen wir , Sie; hochwürdige Herren, freudig und vertrauensvoll! Es ist eine erfreuliche und erhebende Erscheinung, daß die geistlichen Führer der Gemeinden mit Ernst dem Verfalle unserer Religion vorzubeugen, Maßregeln ergreifen wollen, daß sie es einsehen und aussprechen, nicht Leichtsinn sei die Triebfeder Derjenigen, welche oft selbst mit blutendem Herzen sich den bestehenden Satzungen und Gebräuchen entziehen, es fei vielmehr der quälende Widerspruch zwischen der allgemein herrschenden höheren Bildung, zwischen den Anforderungen, welche unsre Stellung im Staate und im Leben an uns stellen, und den harten Zumutungen eines veralteten Systems. Wo eine solche Einsicht die geistlichen Führer durchdringt, da dürfen wir ruhig den Blick in die Zukunft werfen, uns der Hoffnung hingeben, daß die Auswüchse und Mißbräuche aus unsern religiösen Bestimmungen weichen werden und das Judentum mit seiner reinen Lehre und seinen beseligenden Wahrheiten allen wieder das höchste Gut sein, alle fest umschlingen werde. Darum vertrauen wir Ihnen auch, hochwürdige Herren, Und ehren den Mut, der Sie beseelt, der Sie die Angriffe verachten lehrt, welche von Männern ohne Kenntniß des Lebens und ohne wahre Bildung ausgehen. Die Zeit ist vorüber, in welcher ein Bannspruch, von Rabbinen geschleudert, Schrecken im Lager Israels verbreitete; nur ein Gegenstand des Mitleids sind allen Verständigen jene Fanatiker, welche die Zeit mit ihrem Unverstände meistern wollen, ein Gegenstand des Abscheues jene Schwächlinge und Heuchler, die sich zu lächerlichen Demonstrationen mißbrauchen lassen, um den Ruf knöcherner Orthothorie um sich zu verbreiten. Wenn diese Kundgebungen jedoch den Männern, welche im Leben sich bewegen, nur Bedauern einflößen, so mögen sie allerdings den Rabbinern, welche des Vertrauens ihrer Gemeinde bedürfen und sich nun verdächtigt sehen, wohl bedenklicher erscheinen und die Besorgniß erregen, daß doch ein Teil ihrer Gemeinde ängstlich werden und ihre Stellung gefährden könnte. Umsomehr achten wir den Mut, der Sie derartige Bedenklichkeiten überwinden lehrt, und wir rufen Ihnen ein Wohlauf! entgegen; wo überall ein so reger Sinn herrscht, wo aber auch die wahre Frömmigkeit erstickt zu werden droht, da bleibt keine Wahl, und wie wir es Ihnen Dank wissen, daß Sie in Ihrer Wahl nicht schwankend werden, so müssen wir um der Feiglinge willen erröten, welche die eigene Sicherheit höher stellen, als die Verherrlichung unseres Glaubens, die Wohlfahrt der Gesammtheit. Mt um so gespannterer Erwartung sehen wir Ihren diesmaligen Beratungen und deren Resultaten entgegen. Wir dürfen es Ihnen nicht verbergen, daß die Achtung und das Vertrauen, welches Ihren Versammlungen in Zukunft geschenkt werden sollen, von dem Geiste, der namentlich die diesjährige leiten wird, und von deren Aussprüchen sehr abhängig ist. Wir haben die vorjährige als eine mehr vorbereitende betrachtet; die Beschlüsse über den Eid und die Col-nidre-Formel waren uns willkommen, weit wichtiger aber erschien uns, daß Sie Kommissionen über die Liturgie und die Sabbatgesetze eingesetzt haben; größere Resultate konnten