Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 190 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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190 Seit längerer Zeit wird von der Orthodoxie in Deutschland ein jüngst erschienenes Geschichtswerk, das unter dem Titel „Doroth Harischonim" die Geschichte der jüdischen Litteratur behandelt, als ein Meisterwerk gepriesen, mit dem eine neue Aera in der jüdischen Geschichtsschreibung begonnen, in der die bislang arg entstellten Quellen erst zu ihrem Rechte und zu ihrer Geltung gekommen wären. Die moderne jüdische Geschichtsforschung und deren Begründer und Vertreter werden mit Hohn und Schimpf behandelt und, ohne zu prüfen, Halevy als der hervorragendste jüdische Gelehrte gepriesen, zu dem man die Ehrfurcht und Bewunderung aufzublicken hat. Ja, man begegnet in der orthodoxen Journalistik in letzter Zeit einem herausforvernden Tone gegen die anerkannt verdientesten Männer auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung, der, abgesehen davon, daß er unbescheiden und anmaßend klingt, noch umsomehr zu verurteilen ist, weil er sich zumeist gegen Männer richtet, die längst dahingegangen oder wegen ihres hohen Greisenalters den Kampf zu führen außer Stande sind. Und hier ist es wiederum ganz besonders Zacharias Frankel, in dessen Persönlichkeit man eine ganze Richtung treffen will, über dessen wissenschaftliche Bedeutung der Stab gebrochen wird. Auch ihm (Frankel) fehlten die beiden Haupterfordernisse, ein unbeschränktes, daganze Gebiet beherrschende Wissen und eine alles durchdringende Forscherkraft, heißt es in einem solchen Artikel. Es ist darum ein großes Verdienst, das sich Herr Dr. I. Elbogen erworben, indem er die von der Orthodoxie über Gebühr auf Kosten anderer Forscher hervorgehvbenen Leistungen des Herrn Isaak Halevy in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (Januar-Februar 1902) einer Kritik unterzieht, wodurch zu Tage tritt, was allerdings in objektiven Gelehrtenkreisen feststand, daß Halevys Art oder besser Unart, in der seine Untersuchungen gehalten sind, durch Grobheit und gehässige Ausfälle gegen die Leistungen Anderer sich hervorthut, und daß er die nach seiner Meinung falschen Resultate Anderer durch geistlose Grobheit niederschreit, weil er durch klare Beweise nicht widerlegen kann?) Halevy hat keine Spur davon, daß es auch eine Würde in der Wissenschaft giebt. Und es ist das umsomehr zu bedauern, als Halevys Maßlosigkeit, die in der jüdischen Litteratur nicht ihres Gleichen findet, nicht aus wissenschaftlicher Ueberlegenheit stammt und so recht zeigt, daß in unserer Zeit einseitige talmudische Bildung zur entscheidenden Lösung historischer Fragen nicht berechtigt, und daß die Zeiten vorüber sind, in denen die Belesenheit im Talmud gleichbedeutend war mit der Kenntnis sämtlicher Wissenschaften. Ein moderner jüdischer Geschichtsschreiber muß heutzutage phiologische Schulung und kritischen Takt in der Benutzung der oft schon wegen ihrer Vielsprachigkeit schwer zugängl) Der Essay ist auch soeben als Broschüre unter dem Titel: „Die neueste Konstruktionen der jüdischen Geschichte" im Berlage von Wilhelm Köbner (Barrasch & Riesenfeld) in Breslau erschienen. Ebenso ist die Arbeit von A. Epstein, in der die Hypothesen Halevy's mit gewohnter Gründlichkeit »ä absurdum geführt werden: „Le retour de Rab en Babylonie“ als Separatabdruck bei A. Durlacher in Paris erschienen.