Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 179 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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179 doch sei die bisherige Leidensgeschichte unseres Stammes die glänzendste Rechtfertigung der Wahrheit unserer Lehre. Nicht das Judentum habe bankerott gemacht, nein, in den Reihen der hervorragendsten Vertreter der christlichen Religionswissenschaft sei ein Hangen und Schwanken ihrem eigenen Glauben gegenüber ausgebrochen. In fünf Sätzen sei das Wesen des Judentums ausgesprochen: 1. Das Judentum ist die einzige dogmenfreie Lehre. 2. Das Judentum lehrt den reinen Monotheismus. 3. Wir kämpfeu gegen die Lehre der Erbsünde, weil sie die Gerechtigkeit Gottes aufhebt. 4. Wir stehen fest auf dem Boden der biblischen Wahrheit. 5. Die Grundlehren jüdischer Ethik sind ausgesprochen in den Zehngeboten. Sie lassen sich zusammenfassen in „Seid einig" und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Wir Juden können unser Judentum gegen Jedermann mit offener Stirn vertheidigen: wir haben ein Wesen des Judentums, andere ringen danach. Was aber sollen wir thun, fährt der Redner in zündender Weise fort, um uns gegen solche Angriffe zu stählen? Erstens Erziehung unserer Jugend zur Religion. Nichts hat uns mehr geschadet als jene Gleichgiltigkeit gegenüber der religiösen Belehrung, nicht die Zweifler und Abtrünnigen haben uns schwere Wunden beigefügt. Wenn unsere jungen Kinder schon um ihres Glaubens willen leiden müssen, dann haben wir die sittliche Verpflichtung, sie wissen zu lassen, warum sie leiden, und daß es schön sei, für unsere große Lehre, für die Unvergleichbarkeit der jüdischen Wahrheit leiden zu dürfen. Zweitens haben wir Juden die heilige Verpflichtung, jene Vereinigungen und Bestrebungen zu fördern, deren Aufgabe es ist, unsere Rechte zu wahren, Verdächtigungen und Angriffe energisch zurückzuweisen. Der Zentral- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist die befugte Vertretung aller Juden, und jeder müsse stolz darauf sein, einem solchen Verein anzugehören und ihm seine Kraft widmen zu können. Trotz aller giftigen und gehässigen Angriffe von Seiten einer verblendeten Menschheit bleiben wir felsenfest bei der Wahrheit unserer Lehre. — Generaloberst von Los hat am 29. Juni in Kann in einer Festversammlung anläßlich des 25 jährigen Papstjubiläums eine Rede gehalten, welcher wir folgende bemerkenswerte Stellen entnehmen: „Ich habe neulich in einer Ansprache an meine alten Husaren an den denkwürdigen Ausspruch unseres unvergeßlichen Reichskanzlers, des Fürsten Bismark, erinnert: «Wir Deutsche fürchten Niemanden außer Gott." Der Ausspruch ist heute wahr und wird es bleiben, aber nur unter der Voraussetzung, daß wir die deutschen Erbfehler, die elenden konfessionellen Zänkereien unterlassen und daß >vir alle, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses, treu Zusammenhalten — Protestanten, Katholiken und Israeliten. Meine Herren, ich nenne von dieser Stelle die Israeliten mit Vorbedacht, weil ich weiß, daß ich damit im Sinne des Stifters unserer heiligen Religion spreche, welcher das Vorbild der Duldsamkeit ist, im Geiste meines kaiserlichen Herrn, welcher sich in seiner prachtvollen Rede Gott sei Dank unter das Kreuz gestellt hat, im Sinne der heiligen Vaters, welcher in seiner hohen christlichen Auffassung alle Andersgläubigen,