Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 178 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Wonatsschau- Im Zentral Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt jüngst Herr Rabbiner Dr. Kieger aus Hamburg einen Vortrag über „Wissenschaftlichen Antisemitismus". Es giebt wohl kaum ein Volk auf dem weiten Erdenrund, so etwa führte der Vortragende aus, welches so durchdrungen war von der Ehrlichkeit und absoluten Unanfechtbarkeit seiner Gelehrten, seiner Forscher auf allen Gebieten der Wissenschaft wie gerade das deutsche Volk. Deutsche Wissenschaft hat zum guten Teil ihren Ruf darauf begründet, daß ihre Vertreter sich alle Zeit durch Objektivität ausgezeichnet haben. Erst in unseren Tagen, in den letzten Jahrzehnten, hat man die Wissenschaft zur Tendenz herabgewürdigt, hat sie zur Sklavin von Sonderanschauungen gemacht, und dadurch den Respekt vor der Wissenschaft, der tief im deutschen Volke wurzelt, erheblich vermindert. Wenn es dem Antisemitismus der dem brutalen Instinkt der breiten Masse entgezenkommt, gelungen ist, eine Anzahl Gelehrter für seine Anschauungen zu gewinnen, so ist der Grund einerseits in dem Servilismus und Byzantinismus, der unser ganzes soziales Leben durchdringt, zu finden, andererseits jedoch in der religiösen Idiosynkrasie, daß das jüdische und alles, was sich jüdisch nennt, deshalb verworfen werden muß, weil es jüdisch heißt. Bessere und vornehmere Kreise, die sich von dem sogenannten Radauantisemitismus ferngehalten, sind heute von dem wissenschaftlichen Antisemitismus, der sich auf Kanzel und Katheder breit macht, beeinflußt, ja selbst hochgebildete jüdische Kreise haben sich antisemitische Floskeln zu eigen gemacht. Männer wie Harnack, Wellhausen, Schmoller, Paulsen, Chamberlain und andere haben in jüngster Zeit in ihren Angriffen gegen die jüdische Raffe Behauptungen aufgestellt, die mit der Wahrheit ganz und gar nicht im Einklang stehen. Das Judentum wird heutzutage angegriffen erstens als Rasse, zweitens als Religion. Die Phrase über die Inferiorität der jüdischen Raffe ist, wenn sie in der That vorhanden wäre, eine Waffe, die nicht zu unterschätzen wäre. Ist der Jude schon als Mensch niedriger in der Rasse als der Christ, steht der Jude nicht so hoch in der Reihe der Menschenwesen wie die Christen und die Deutschen, so hätte man ja ein gutes Recht, gewährte Rechte zu entziehen und nicht gewährte Rechte vorzuenthalten. Die Lehre von der Rassereinheit ist eine längst überholte, sie ist unhaltbar, weil sie der Kritik nicht Stand halten kann. Von einer Blut- und Rasseneinheit kann nicht die Rede sein; schon in biblischen Tagen sei eine Vermischung kanaanitischer.Stämme erfolgt. In klarer und eindrucksvoller Weise beleuchtet Redner die Angriffe, die gegen unsere Religion erhoben werden, und die sie als minderwertig gegenüber der christlichen Lehre erscheinen lassen sollen und widerlegt sie mit Aussprüchen des alten Testaments. Ans keinem Gebiete wagt man es, solche frivole Äußerungen und gehässige Verdächtigungen nicht nur im Buche, sondern vom Katheder herab zu predigen wie in der christlich-theologischen Behandlung unseres Judentums. Und