Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 166 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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mit einem einzigen Fenster versehen war, enthielt einen großen Ofen neben der Stubenthür, einen großer tannenen Tisch, zwei Stühle, einen großen Lehnsessel und eine Bettstelle, so daß ein Mensch von mittelmäßiger Körperdicke sich nur mit Mühe zwischen der letzteren und dem Tisch durchzwängen konnte, und daß die Dienstmagd nicht anders als auf einem jede Nacht zu Häupten jener Bettstelle ouf dem Fußboden ausgebreiteten Bette schlafen konnte. An der Decke hing, etwa fünf Fuß über dem Stubenboden, eine achtzackige sogenannte Schabbes - Lampe, die man auf- und niederlassen konnte. Eine Thür, ivelche mit dem neben ihr befindlichen Fenster die ganze hintere Wand einnahm, führte in ein drei Fuß breites Gängelchen, in welchem das wenige irdene Küchengeschirr der Schönte aufgestellt war und das auf einen kleinen Altan, sowie über diesen zum geheimen Gemache führte. Wenden wir uns nun von dieser engen, finsteren Stätte hinweg, um durch die Judengasse hindurch in die Fahrgasse, in welche dieselbe mündet, einzutreten und wandeln wir durch diese ebenfalls enge und düstere Gasse, damals die Hauptverkehrsstraße Frankfurts, hindurch bis zur Main-Brücke, sowie über die letztere und Sachsenhausen hindurch in das freie Feld. Dort findet sich ein Weg, welcher von jeher in den weitausgedehnten ehemaligen Reichsforst der Dreieich führt und hiervon den Namen des Hainer Weges erhalten hat. Auf diesem Wege gelangen wir in drei Stunden zu der andern oben erwähnten Stätte, dem Städtchen Hain oder Dreieicher-Hain. Dieser nur aus einer Straße bestehende und von nicht mehr als etwa Tausend Menschen bewohnte Ort am Ende des Waldes, und sein Boden erhebt sich zu den Trümmern einer alten Burg, die in einem vorliegenden Teiche spiegeln- Das Städtchen lebst ist noch von alter Zeit her mit Mauern und Thoren umgeben. Auf seiner Burg aber hatten einst die Herren von Hagen (von dem Hain) gewohnt, welche Jahrhunderte lang als Reichsforstmeister den Forst Dreieich zu beaufsichtigen hatten, und nach deren Anssterben Stadt und Burg in andere Hände kamen. Zuletzt waren beide im Besitze des Grafen von Isenburg, bis sie in unserem Jahrhundert großherzoglich-hessisch geworden sind. Im Städtchen Dreieicher-Hain starb um 1778 ein armer Jude, Namens Samuel, mit Hinterlassung einer Wittwe und mehrerer Töchter, von welchen eine bei einem Juden in Frankfurt diente, eine andere aber, Frommet mit Namen, alsbald ebenfalls genötigt wurde, als Dienstmagd ihr Brod zu verdienen. Die Letztere, deren trauriges Schicksal der Gegenstand unserer Erzählung ist, war ein schwaches, kleines, kaum mehrere Zoll über vier Fuß hohes Mädchen und fast ohne Unterricht, ja sogar fast ohne Erziehung aufgewachsen. Sie selbst sagte, als sie in einem kaum erst über die Kinderjahre hinausgekommenen Lebensalter ein Kriminalverbrechen begangen hatte, daß sie die Schuld ihrer Unthat zum Teil auf ihre Eltern werfen müsse, weil diese sie weder in die Schule hätten gehen lasse», noch ihr jemals gesagt hätten, daß man einem Menschen nicht ums Leben bringen dürfe, außerdem aber auch ihr hart begegnet wären und sie früher, als sonst Eltern es