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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1902) · p. Seite 164

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1902)
Date
1902-07-01
Page
Seite 164 (sequence 20)
Language
German
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164 doch dieser seiner unbewußten Annäherung zum Judentum« ganz und gar keinen Ausdruck. Im Gegenteil, in diesem Punkte verläßt ihn den sonst so Vorurteilslosen die Objektivität und er steht mit seinem Empfinden, von dem er sich sonst nicht leiten läßt, ganz auf dem Standpunkte des orthodoxesten Christentums und vermag sich von den überlieferten Anschauungen, von denen er sich sonst ganz frei fühlt, nicht zu emanzipieren. Hier ist ihm auch, gleich den verschiedensten Richtungen im Christentum, das oberste und heiligste Dogma dem Judentum ja nur nicht gerecht zu werden und darum ergeht er sich auch während er das Judentum in den letzten achtzehn Jahrhunderten totschweigt, in den heftigsten Ausfällen gegen die jüdische Religion und spricht darum von einer Gefahr, die mit dem alten Testament als einem inferioren und überwundenen Element in das Christentum eindringe. Er entfernt sich in demselben Maße, als er den orthodoxen Protestantismus von sich weg weist, auch von dem alten Testament um ja nur nicht Gefahr zu laufen, in die Nähe des Judentums zu geraten. Da Harnack Christus nur als Menschen auffaßt und zn verstehen sucht, glaubt er als Folie für dessen Größe ein möglich schattenhaftes Bild seines zeitgenössischen Judentums entwerfen zu müssen, und gerät so in den Fehler, den Chwolson so richtig erfaßt hat, wenn er schreibt: Mit einem groben in pechschwarze Farbe und Straßenschmutz eingetauchten Pinsel malt man einen schmutzig schwarzen Hintergrund und schreibt darunter: Das ist das Judentum zur Zeit Christi. Dann nimmt man einen anderen in Goldlack eingetauchten Pinsel und malt auf jenen Hintergrund das Bild Jesu. Es ist ein grober Irrtum, wenn Harnack schreibt, daß durch die Verflachung im Kultus und durch die Versteinerung im Ritual die Moral der Heiligkeit gerade in ihr Gegenteil verwandelt werde. Mag hier Harnack sich nur Vorhalten, was er selbst so herrrlich ausgesprochen „Auch das Innerste der Religion strebt nicht frei und isoliert auf, sondern wächst sozusagen in Rinden und bedarf ihrer". Das was uns oft vom Innern ablenkt, das Gesetz war ja nur ein Zaun um die Lehre, von dem wir gerne zugeben, daß er oft statt für die Religion eine schützende Wand zu sein, eine massive Mauer wurde, die den Zutritt von Luft und Licht hemmte. Wenn Harnack auch das alte Judentum wegen einzelner Auswüchse schlechthin verwirft und das heutige Judentum einfach ignoriert, so kommt er ob wollend oder nicht schon dadurch, daß er aus dem offiziellen Christentum, wie es die Kirche lehrt und der Staat propagiert gerade diejenigen Elemente beseitigt, die wir als Juden auch nicht anerkennnen, zu einer Religionsform, die dem Judentume sehr nahe steht, wenn er sich auch über diese Annäherung wegzutäuschen sucht. Harnäcks „Wesen des Christentums" ist und bleibt eine Würdigung des Judentums, mit der wir uns aus vollem Herzen freuen und die uns in unserer Treue und Anhänglichkeit an dasselbe nur bestärken kann und gereicht es zu ganz besonderer Erhebung einen Mann von dem Geist, der Gelehrsamkeit, und dem religiösen Ernste Harnacks uns innerlich so verwandt

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