Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 162 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969901--6654-2976002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 der Familie Gradis vom Obersten Gerichtshöfe dieses Heimfallsrecht als nicht vorhanden erklärt wurde, hatten die Verfolgungen kein Ende. Ja eben dieser Prozeß gab dem König Anlaß, die Frage zu stellen, wie es möglich sei, das trotz des Verbotes sich Juden auf Martinique aufhalten, und die Mönche unterließen es auch nicht, durch fortwährende Denunziation den Juden Schwierigkeiten zu bereiten, sei es aus privaten Motiven, sei es auch um Proselyten zu machen, so daß insbesondere das Heimfallsrecht immer wieder aufs Neue gegen die Juden zur Anwendung gebracht wurde. Aber aus diesen Prozessen ist auch ersichtlich, daß die Juden auf Martinique eine ungemein rege gewerbliche Thätigkeit entfalteten, daß sie zum Aufblühen der Kolonie wesentlich beitrugen, ihren Reichtum hoben, ihren Handel belebten und sich als geradezu unentbehrliche Faktoren der Kolonisation erwiesen. Durch die Proklamirung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wurde allen Beschränkungen in Frankreich ein Ende gemacht, und seither konnten auch in den französischen Kolonien die Juden ungestört ihrer Arbeit obliegen. Eine elementare Katastrophe hat nun die Insel heimgesucht und ohne Zweifel in St. Pierre auch zahlreiche Opfer unter den Juden gefordert. Wenn jetzt die Mildthätigkeit der ganzen Welt aufgerufen wird, um ihre Bruderliebe an den Opfern zu bethätigen, soll auch der Juden auf Martinique nicht vergessen werden. — Wie die französischen Blätter melden, ist der Leiter der Expedition, welche die Regierung zur Hilfeleistung für Martinique bestimmte, der Finanzdirektor im Kolonial - Ministerium Bloch. Außerdem befindet sich in derselben der Kommissar der Kolonialtruppen Alfasfa — beide sind Juden. Was Lehrt uns Karnack. Harnacks Schriften, ausgezeichnet durch tiefe Gelehrsamkeit und sittlichen Ernst, wirken schon darum auf weitere Kreise mächtig ein, weil der Verfasser seinen von der Menge abweichenden religiösen Standpunkt mit Unerschrockenheit gegen eine Welt von Feinden vertritt und er in Wahrheit ein Märtyrer der Ueberzeugung ist. Es ist darum gar nicht zu verwundern, wenn seine herrlichen Gedanken auch im Herzen Gleichgesinnter, die nicht ganz und völlig auf seinem Standpunkte stehen, Anklang finden und Widerhall erwecken. So hat jüngst Herr Rabbiner Dr. Felix Perles bei I. Kauffmann in Frankfurt a. M. eine Schrift „Was lehrt uns Harnack" erscheinen lassen, welche Zeugnis davon ablegt, mit welcher Aufmerksamkeit im Kreise der jüdischen Theologen Harnacks Aufsehen erregende Schrift „Das Wesen des Christentums" gelesen und gewürdigt wird und wie, wenn man auch Einzelnes in derselben bekämpfen muß, sie doch im Großen und Ganzen gewürdigt wird und eigentlich in jüdischen Kreisen mehr Gegenliebe gefunden und noch findet als