Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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159 neue Ankömmling ein vakantes Loch zur Wohnung sucht. Es ist für Fremde nicht geraten, hier allein zu gehen. Es giebt Stellen, wohin man nur durch bewaffnete Macht gelangen kann. Juden und Mohamedaner leben auch hier friedlich nebeneinander. Schließlich gelangten wir auf einen freien, wenn auch engen Platz, wo sich eine von der Zeit mitgenommene, mächtige Steinmauer Über die Hütten erhebt. Wir langten früh an. Wir sahen nur die öde Mauer in ihrer düsteren Erhabenheit. Ihre Höhe beträgt hier an zehn Klafter. Jener Teil derselben, deren Antiquität in die Augen springend ist, mag eine Länge von 20—25 Klafter haben. In neun Schichten liegen hier die mächtigen Monolithe übereinander. Da und dort sind Sprünge, überall ist der zerstörende Zahn der Zeit wahrnehmbar. An einigen Stellen sprießt Gras zwischen den Steinen hervor. Weiter hinauf besteht die Mauer aus fünfzehn Schichten kleinerer, neuerer Steine. In tiefer Stille kommen die Juden, einzeln, zu zweien, zu dreien. Die sephardischen Juden unterscheiden sich im äußern durch nichts von den Arabern, nur daß sie zumeist gelbe Turbans tragen, die Aschkenasim sind deutschsprechende Inden. Verschleierte Frauen kommen auch hierher, ganz in weiß gekleidet. Einzelne Gestalten gelangen bereits an die Steinmauer und murmeln leise etwas vor sich hin. Viele, namentlich die Sephardim, welche die orientalischen Sitten eher befolgen, legen die Sandalen ab. denn dieser Ort ist heilig. Auf einmal, während sich fortwährend neuere Ankömmlinge ansainmeln, schreit der eine im Tone des brennenden Schmerzes einen abgerissenen Satz' in die Luft und das Mincha Gebet nimmt seinen Anfang. Die Leidens-Haft steigert das Hersagen zur Deklamation, die Deklamation bis zur Rezitation. Die hebräischen Worte sind schon an und für sich rythmisch und die orientalische Rede wird auch sonst bald singend, namentlich in der Emphase und dies nm so mehr, wenn die ganze Menge spricht, in welcher der eine den andern anfeuert. Es giebt keine Bühnenkunst, welche die Wahrheit der Gefühle stärker darzuthun vermöchte, als dieselbe sich hier offenbart. Aber die Subjektivität des Gefühls bewältigt bald jeden einzelnen und so wie der Vorbeter sich immer mehr an die Brust schlägt, immer bleicher wird und beinahe in Ohnmacht fällt, dann wieder krampfhaft sich erhebt und aufrichtet, die Hände zum Himmel erhoben, und im Gebete, welches von der in sich gekehrten und wehklagenden Mauer zum rasenden Zorn sich steigert, so stellt sich jeder einzelne in der Menge nach dem Grade seiner Erregtheit den Tonfall fast von dem leisen Murmeln und Schluchzen inniger bis zum zügellosen, schwärmerischen Stöhnen, welches Nerven und Muskeln, das ganze Physikum in der Endanspannung erscheinen läßt. Aber gerade diese regellose Freiheit innerhalb der Schranken der Worte und des Rythmus, bloß von der Kraft der Enlpfindungen geleitet, dieser Individualismus in der Vielheit, die kongruenten Gegensätze erheben das Gebet zum brausend-wilden Gesänge, besten Wirkung erschütternd ist, weil die Wahrheit der Empfindung sich offenbart, sowohl im Gesänge