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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1902) · p. Seite 156

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1902)
Date
1902-07-01
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
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156 nehmen." — Über die Psalmen sagte der württembergische Staatsmann I. I. Moser, der auf dem Hohentwiel als Unschuldiger fünf Jahre lang gefangen gehalten wurde: „Wer nie in großer, anhaltender Leibes- und Seelennot gewesen, der versteht die Psalmen nicht, weiß nicht, was er eigentlich damit machen soll. So ging's mir viele Jahre lang. Ich meinte freilich, die Worte zu verstehen, sie blieben mir aber immer ein verschlossenes Buch. Ich mochte sie lange Zeit garnicht mehr lesen. Das Schreien aus der Tiefe, die himmelhohen Klagen hielt ich nicht gerade für bloße Poesie, aber doch für überspannte Empfindungen, und das Racheschreien über die Feinde empörte mich. Welch ein Schatz von Erfahrung, welche lichtvolle Weisheit, tiefe, innigste, ausgebreiteste Kenntnis des menschlichen Herzens darin liege, dies habe ich erst erfahren und Gott für die Psalmen danken gelernt, da ich selbst in schwere innere und äußere Not, Leiden und Anfechtungen kam. Ach, wie köstlich und teuer wurden mir die Psalmen! Wieviel Trost, Licht und Labung teilten sie mir mit! Der Weg war mir nicht nur oft verschwunden, sondern selbst die Spur des Weges, ich saß wie vermauert und versteinert, ein Wort aus dem Gesangbuch war mir Sonnenblick. Ich setzte mich wie eine Lerche auf die Fittiche dieses Adlers, flog, durch ihn getragen, auf den Felsen und fah von da die Welt mit aller ihrer und meiner Not unter mir. Ich lernte in Davids Geist denken,, schließen, trauern, beten, harren und hoffen. Die Psalmen sind mit nun nach den Schriften des neuen Testaments mein liebstes, wichtigstes Buch, mein goldener Spiegel der seligsten, fruchtbringendsten Kenntnisse und Erfahrungen meines Lebens. Sie völlig zu verstehen, wird ein Geschäft der Ewigkeit und alsdann unser zweites Leben die Erläuterung darüber sein." — Mit Bezug auf das ganze Alte Testament erklärte vr. Martin Luther: „Wir sollen das Neue Testament aus dem Alten lernen gründen und den unnützen Schwätzern nicht Glauben geben, die das Alte Testament verachten und sprechen, es sei nicht mehr vonnöten; so wir doch allein daraus müssen den Grund unseres Glaubens nehmen, denn Gott hat die Propheten darum zu den Juden gesandt, daß sie von dem künftigen Christo sollten Zeugnis geben. Daher haben die Apostel allenthalben die Juden überweist und überwunden aus ihrer eigenen Schrift, daß dieser JEsus, den sie verkündigten, Christus wäre." — Aus neuerer Zeit führen wir ein Urteil des Tübinger Theologen Chr. Palmer an: „Nie sind die Prediger vom neutestamentlichen Ton und Geiste mehr abgefallen, als da sie es verschmähten, ihren Pinsel in die Farben des Alten Testamentes, dieses Morgenrots im Reiche Gottes zu tauchen. Damit ist nicht verlangt, wie Schleiermacher unnötigerweise von alttestamentlichen Predigten befürchtet, daß man in das alte Testament mehr hineintrage, als darin liegt, und daß man es neutestamentlich mache. Das alte Testament soll vielmehr Knospe bleiben und nur deren Aufblühen im Neuen Testament nachgewiesen werden, und zwar so, daß sich die Seele an beidem labe und ergötze."

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