Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 kein Wunsch, sondern ein rechtswidriger Befehl war, Folge zu leisten, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Ich hielt mich nur für kurze Zeit in Rumänien auf, konnte daher die Verantwortung für eventuelles Blutvergießen nicht übernehmen Wäre ich ständig in Rumänien seßhaft und hätte ich also die Möglichkeit gehabt, die Folgen meines Handelns selbst zu tragen: keine Gewalt auf Erden würde mich bewogen haben, von der Konferenz fernzubleiben. Meine Eigenschaft als Fremder zwang mich also, dem Drucke keinen Widerstand entgegenzusetzen. Ich sagte mithin zu und zwar natürlich in der Hoffnung, daß nun die Behörden befriedigt seien und mich nicht weiter behelligen werden. Doch wieder kam es anders. Vor dem Hause meines Freundes, dessen Gast ich war, sammelte sich inzwischen die Menge der verfolgten Juden wieder an. Um kein Aufsehen zu erregen, verließ ich durch eine Seitenthür unbemerkt das Haus und begab mich in mein Hotel. Dort erfuhr ich nun folgendes: Die Studenten hatten inzwischen ihr Protestmeeting gehalten. Dort wurde gegen mich haranguirt, zündende Schlagworte wurden in die Menge geworfen, der Straßenplebs wurde aufgereizt, sich gegen mein Hotel zu wenden. So weit wollte es die Polizei denn doch nicht kommen lassen. Die Behörde überlegte sich wohl, daß sie für meine Sicherheit eine schwere Verantwortung zu tragen habe. Die Bukarester Polizisten haben zwar die Flugblätter gegen mich verteilt, aber vor dem Gedanken, daß die mit ihrer Hilfe aufgehetzte Menge sich an mir vergreifen könnte, schauderten die rumänischen Behörden doch zurück. Man vergreift sich nicht ungestraft an einem Bürger der französischen Republik; das werden wohl die Herren sich in letzter Stunde gesagt haben. So wurde denn die Straße zu meinem Hotel von der Gendarmerie abgesperrt und die johlenden Knäuel mußten unverrichteter Dinge abziehen. Um doch etwas für die heilige Sache gethan zu haben, wendeten sich die Herren Studenten gegen das Judenviertel, zogen die Menge mit sich, und man plünderte jüdische Geschäftsläden, damit der Tag nicht ganz verloren gehe. Diese Sachlage erkennend und wohl begreifend, daß meine Studienreise den ohnedies gehetzten und verfolgten Juden nur noch mehr Schmerzen und Bedrückung verursachen könnte, beschloß ich dann abzureisen. Auf die Nachricht von meiner Abreise stand die hilflose Menge der Juden in den Straßen. Die Menge zählte nach Zehntausenden. Thränenden Auges winkten mir diese Ärmsten der Arinen Abschied zu. Ich reiste ab. In den Stationen, wo der Expreßzug anhält, kamen immer wieder Menschenmengen. Vergebens hatten die jüdischen Notabeln aus Bukarest nach diesen Orten V telegraphiert, daß die jüdische Bevölkerung im eigenen Interesse sich bei meiner Durchfahrt nicht zeigen möge. In Pitesti und in Crajova, wo der Zug anhielt, waren die Bahnhöfe von unabsehbaren Mengen dicht gefüllt, die mir durch ihren bloßen Anblick ihr furchtbares Elend bekunden wollten-