Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1902) · p. Seite 151

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1902)
Date
1902-07-01
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969893-2969901--6643-2975991
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

> , «V*„, , »d. '.. VS*rf?v (<y-, or^-, „.,•*.; — 151 — Das Elend spiegelt sich in ihren Zügen, in den bleichen, abgehärmten Gesichtern. Ihre Verzweiflung ist unbeschreiblich. Der bloße Umstand, daß ein Fremder sich für sie interessiere, erfüllte sie mit freudigen Hoffnungen, die leider nur sehr wenig Begründung haben konnten. Immerhin war es für mich ein Trost, sie durch mein bloßes Erscheinen trösten zu können. Von da ging ich nach Bukarest. Dort ging es bereits stürmischer her. Das Hotel, in welchem ich abgestiegen war, wurde bald von Tausenden der durch das Fremdengesetz betroffenen Juden umringt. Die Menge kam an mich heran, klagte, seufzte und rang die Hände. Der Refrain war immer: „Wir sind arbeitslos; in jedem Augenblick kann uns das Schicksal ereilen, mit Kind und Kegel ausgewiesen zu werden. Man läßt uns verhungern, man giebt uns keine Arbeit, man verjagt uns von der Scholle, wo nnsere Wiege stand und wo unsere Väter begraben liegen." Auch hier besuchte ich die Schulen und Hospitäler. Auch hier ging ich im Judenviertel von Straße zu Straße, von Haus zu Haus, um den Zustand dieser elenden, abgehärmten, zu Tode gehetzten Bevölkerung mit eigenen Augen zu sehen. Doch das währte nicht lange. Die rumänischen Behörden sahen mein Erscheinen mit scheelen Blicken an und als Fremder mußte ich erfahren, daß die rumänischen Behörden nicht nur die Menschenrechte der eigenen Juden, sondern auch das Gastrecht einem fremden Europäer gegenüber nicht respektieren. Am ersten Tage meiner Anwesenheit in Bukarest erzählten mir meine Bekannten, daß auf den Straßen Flugblätter verteilt werden, deren Inhalt sich gegen meine Person und meine Thätigkeit richte. Ich habe ein solches Flugblatt mitgebracht. Es ist die niederträchtigste Verhetzung, die jemals Druckerschwärze gesehen hat. Unterschrieben ist das Phamphlet: Die rumänischen Universitäts-Studenten. Darin wird die Menge aufgefordert, zu einem Protestmeeting zu erscheinen und wenn es sein muß, selbst durch Gewalt zu verhindern, daß ich einer für denselben Tag einberufenen Beratung über den Zustand der rumänischen Juden beiwohne. Augenzeugen haben mir versichert, daß dieses erbärmliche Pamphlet von Polizisten in Uniform verbreitet wurde; die Universitäts-Studenten hatten also nur die Firma hergegeben. Doch es kam noch schlimmer. Ich dejeunierte bei einem Freunde, als dort zwei Abgesandte der höchsten Behörde erschienen, die im Namen der letzteren den Wunsch äußerten, daß ich der für diesen Tag einberufenen Versammlung nicht anwohnen solle. Ich war im ersten Augenblicke verdutzt über dieses Ansinnen. Wie? Die in Paris lebenden rumänischen Studenten können dort frank und frei Beratungen abhalten, deren Spitze sich beispielsweise gegen Ungarn richtet, und sie werden von Niemanden behelligt. Und ich sollte als Franzose in Bukarest nicht dasselbe Recht in Anspruch nehmen dürfen, welches seitens der französischen Behörden den in Frankreich anwesenden Rumänen in liberalster Weise eingeräumt wird? Doch nach kurzem Besinnen entschied ich mich, dem Wunsche der Behörde, der ja eigentlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.