Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969901--6642-2975990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wernhard Lazare über seine Erfahrungen in Mumänien. Vor etwa drei Wochen reiste ich von Paris ab, um die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Zustände der jüdischen Bewohner Galiziens und Rumäniens durch unmittelbaren Augenschein zu studieren. Diese Sache hat für mich und ich glaube für jeden Franzosen, ja sogar für jeden Westeuropäer, ein zweifaches Interesse. Der erste Gesichtspunkt ist derjenige der Humanität. Man liest und hört von einer Menschenmenge, die in engen Städten zusammengepfercht, dem größten physischen und geistigen Elende preisgegeben ist. Man liest und hört von einem beständigen Drucke, von politischen Verfolgungen, denen diese bedauernswerten Geschöpfe ausgeliefert sind. Am Beginn des XX. Jahrhunderts, mehr als hundert Jahre nach der großen französischen Revolution, ist dies doch eine paradoxe Erscheinung und der denkende Mensch muß sich fragen, worin denn die Ursachen dieser Erscheinung liegen, und auf welchem Wege diesem Uebelstande, welcher allen Errungenschaften der modernen Menschlichkeit Hohn spricht, ein Ende gemacht werden könnte. Mein zweiter Gesichtspunkt war der, daß dieses jüdische Proletariat durch das Elend aus seinem ursprünglichen Wohnorte vertrieben und in die weite Welt hinausgeschleudert wird, um dann in fremden Ländern nicht nur sein Elend, sondern auch seine unglaubliche Bedürfnislosigkeit und in Verbindung hiermit seine geringen Lohnansprüche mitzubringen. Es ist mithin eine Frage der Arbeiterlöhne, also eine durchaus moderne, soziologische Frage zugleich. Um all dies an Ort und Stelle zu studieren, reiste ich vorerst nach Galizien. Dort verbrachte ich zwei Wochen; unbehelligt von den Behörden konnte ich meinen Studien obliegen und sehr viel wertvolles Material sammeln. Meine Erfahrungen konzentrierten sich dahin, daß die galizischen Juden, im Vollbesitze ihrer politischen Rechte, sehr viel Elend erdulden müssen. Dies ist jedoch keine konfessionelle, nicht einmal eine politische, sondern eine rein wirtschaftliche Frage. Von Czernowitz aus ging mein Weg nach Rumänien. Ich sollte eigentlich: unser Weg sagen, denn ich hatte bereits Reisegefährten, drei Geheimpolizisten mit, die jeden meiner Schritte bewachten und mich, wie es die irländischen Polizisten in den großen Boykott-Campagne zu thun pflegten, förmlich „beschatteten". So kam ich in Jassy an. In der Bevölkerung von Antisemitismus keine Spur. Ich konnte meine Erfahrungen sammeln, die Schulen und Hospitäler besuchen, mit jüdischen Arbeitern, die durch das Fremdengesetz betroffen werden, mich ruhig aussprechen, ohne daß die Bevölkerung irgend eine feindselige Kundgebung veranstaltet hätte. Das Elend in Jassy ist unbeschreiblich. Die jüdischen Arbeiter lungern und hungern in der entsetzlichsten Weise. Sie sind geschickte Arbeiter, fleißig und - tüchtig und können doch absolut keine Verwendung für ihre Muskelkraft finden.