Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969901--6641-2975989- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
149 er den Satz aufstellt: Wer über folgende vier Dinge spekuliert, dem wäre besser gewesen, wenn er nie auf die Welt gekommen wäre: was oben, was unten ist, was anfangs war und was zuletzt sein wird. Und so haben denn auch abergläubische Privatmeinungen, die auch im Judentum anzutreffen sind, nie eine verbindliche Anerkennung gefunden. Das Judentum kennt keinen leibhaftigen Teufel und ihm ist Satan nur die Personifikation des bösen Triebes. Hervorgehoben zu werden verdient der besonders in der zionistichen Journalistik bekämpfte Standpunkt Güdemanns, daß die Juden in der Diaspora längst als Nation zu existieren aufgehört, der Steinthal als Gewährsmann bringt, welcher behauptet. „In Wahrheit und im Innersten war Israel niemals ein Volk, es war nie etwas anderes, als was es heute ist, eine Religionsgenossenschaft und war nur so lange äußerlich auch ein Volk, als es zur Religionsgemeinde erzogen werden mußte". Als geradezu verhängnisvoll bezeichnet Güdemann, daß man mit dem Wort „Thora", welches eigentlich „Lehre" bedeutet, auch den Begriff „Gesetz" verband. Der Begriff des Gesetzes oder des Gesetzlichen habe immer den Beigeschmack des Starren, Strengen, Harten, und so kam es, daß man außerhalb des Judentums von ihm gerne als von einer Last des Gesetzes sprach. Ebenso wie die „Thora" sei aber auch der vielgeschmähte und aus Unkenntnis verleumdete Talmud seinem innersten Wesen nach Lehre, und nicht Gesetz. Ab und zu wurde das auch im großen und ganzen im Vergleiche mit anderen Religionslehren auch herausgefühlt und anerkannt. So schreibt Jean Paul in einem Briefe an seinen jüdischen Freund Emanuel Osmund: „Ihre Religion überholt darin unsere, daß sie keine einzige theoretische Unbegreiflichkeit wie unsere fordert. Es hat sich allerdings, wie manche biblische Vorschrift, ein aus tausend fein gesponnenen Fäden bestehendes Gewebe (Masechta, textus) gebildet und es wird darum besonders von gegnerischer Seite so gerne hervorgehoben, daß sich neben der Sittenlehre auch noch vieles andere im Talmud befände. Das ist allerdings richtig, aber richtig ist auch, es findet sich daneben auch vieles andere nicht. Und wenn mit jenem die Ritualen gemeint sind, so sind unter diesem die Unbegreiflichkeiten zu verstehen. Das möge sich ganz besonders Adolf Harnack merken, der in seinem „Wesen des Christentums" so gerne von einer „Versteinerung der Moral im Ritual" spricht. Den Schluß der Güdemann'schen Schrift bildet das Kapitel mit der Überschrift „die Hoffnung auf die Zukunft". Die Religion des Judentums war und bleibt eine Zukunftsreligion, worauf auch schon die in den Propheten wiederkehrenden Sätze: „Es werden Tage kommen", „Einst am Ende der Tage", Hinweisen. Unsere Messiasidee ist universalistisch, unsere Gebete an den höchsten Festtagen sind universalistisch und unsere Lehren sind universalistisch. Ja auf unserer alten in Egypten entrollten Fahne, die wir bis heute siegreich durch alle Kämpfe festgehalten haben, glänzen Heileswahrheiten, die nie von größeren, beseeligenderen überboten worden sind, noch überboten werden können.