Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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14? Auf dem festen Grunde der Familie tritt aber auch an Stelle der Vielgötterei der Monotheismus als das Wesen des Judentums, welcher ihm eine Zukunft sichert, an der unsere Gegner vergebens rütteln. Der monotheistische Gottesglaube, die Wurzel und Krone unseres Bestandes, ist in Israel nicht das Produkt schwankender Spekulation und wechselnder Philosophie. Uns ist und bleibt Gott der beseeligende Gegenstand einer Erfahmng. In Israels Mitte war Gott stets lebendig, vor aller Spekulation über ihn, und was Goethe einmal ausspricht: „Wäre nicht das Auge sonnenhell, könnte es die Sonne nicht erblicken", gilt ganz und voll von Israel, dem der Monotheismus der unantastbare Lebensnerv geworden. Daß Gott ursprünglich in einem persönlichen Verhältnis in der Familiengeschichte der Väter hervortritt und so sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, das bildet den bedeutsamen Hintergrund, den nie verblaßten Goldgrund des israelitischen Monotheismus. Auf dem Boden einer solch erhabenen Familien- und Gottesanschauung nur konnte die herrliche Lehre, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes sei, erwachsen, was dann in den beiden Sätzen Rabbi Akibas und Ben Asais klar hervortritt, von denen der erstere sagt: Du sollst Deinen Nächsten wie Dich selbst lieben", bilde das Grundgesetz der Lehre, während letzterer behauptet, dasselbe sei in dem unscheinbaren Satze ausgesprochen: „Dies ist das Buch von der Entstehungsgeschichte des Menschen." Güdemann meint, mit der Nächstenliebe gehe es häufig, um ein Schopenhauersches Gleichnis zu gebrauchen, wie mit den Schildern auf Wirtshäusern, welche sich nach Fürsten benennen, die nie darin verkehren, was ja durch einen Blick in die Gegenwart bestätigt wird, wo man mit der in Pacht genommenen Nächstenliebe Staat macht, viel von ihr spricht und wenig nach ihr handelt. Cornill schreibt einmal, daß man die Vorschrift: „den Ägypter sollst Du nicht verabscheuen, denn Du bist Gast gewesen in seinem Lande", nicht ohne tiefste Bewegung des Herzens lesen könne. Also selbst für eine Gastfreundschaft, wie die in Aegypten genossene, welche darin bestanden, daß sie bis aufs Blut gepeinigt wurden, für diese selbst soll der Israelit noch dankbar sein. „Wenn das nicht zum Mindesten", meint Cornill, „der Feindesliebe sehr nahe kommt, so möchte ich kein deutsch verstehen". Mit Recht hebt Güdemann die Thatsache als besonders wichtig und bezeichnend hervor, daß die Fäden des ganzen über die Thora gebreiteten ethischen Gewebes an den Erbfeind Aegypten anknüpfen. Diese Thatsache allein schon reicht vollkommen hin, um die Behauptung zu rechtfertigen, daß die Menschenliebe, wie sie in Israel gelehrt wurde, wohl in Worten, aber nicht dem Geiste nach übertroffen werden konnte. Und die beispiellos dastehende Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter hat sie noch mehr angeeifert, aus dem Schiffbruch ihres materiellen Daseins ihren Glauben an den einzigen Gott, ihre Familien- und Menschenliebe zu retten! Wie innig mit der Religion Israels Liebe und Barmherzigkeit gegen jeden Menschen verbunden waren, kann man ersehen aus dem „Buch der Frommen", das