Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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. ~; v --1 '' 1-* * / ^wüjuumu 1 i',-. — 146 — zu den hierüber herrschenden Anschauungen in anderen Glaubenskreisen zur Behandlung gelangen, die unser Interesse stets wachhalten und uns mächtig anregen. In dem Vorworte schreibt der geistvolle Verfasser, er habe mit seiner Schrift nicht das Judentum an und für sich, sondern seine Erscheinung in der Geschichte und im Leben der Juden zur Darstellung bringen wollen. Dieser Standpunkt schützt ihn i davor, sich in Einzelheiten zu verlieren, er behält die konstitutiven Momente stets j im Auge, die Höhenpunkten gleichen, von welchen aus das Ganze des Judentums klar überschaut und richtig beurteilt werden kann. Besonders war es Herrn Dr. Güdemann darum zu thun, einmal auszusprechen, was das Judentum ist, da! es häufig genug als etwas hingestellt wird, was es nicht ist. Während die anderen Völker ihre Abstammung von Heroen ableiten, wird in der Geschichte Israels auf Männer aus der Frühzeit hingewiesen, die als Familienväter hervorragen und deren Eigenschaften mitten in und nicht über dem Niveau des alltäglichen Lebens liegen. Darin drückt sich der Grundzug des Wesens der jüdischen Religion aus, welche in dem ausgeprägten Familiensinn ihren Mittelpunkt hat. Aus diesem Grunde ist die Urgeschichte Israels auch eine Familengeschichte nur. In edler Gestalt tritt hier das rein Menschliche in Erscheinung. Kein anderes Buch des Altertums verfügt über eine solche Fülle eindrucksvoller und vorbildlich gewordener Familiengeschichten, die dadurch mächtig wirken, daß sie sich als Erlebnisse geben und nicht als Erzeugnisse dichterischer Phantasie. „DaS Lob des frommen Weibes" in den Sprüchen Salomos, von dem Karl Bücher in seiner Schrift „Die Frauenfrage im Mittelalter" sonderbarerweise behauptet, daß die in demselben ausgesprochenen Gedanken „in der Tiefe deS deutschen Volksgeistes schlummert", ist die aus der Tiefe des israelitischen Volksgeistes, den man gerne verunglimpft, geborene duftige Blüte echter Frauenwürde, um die man uns wahrlich beneiden darf, da in anderen Litteraturen nichts sehnliches anzutreffen ist. Aber auch im talmudischen Schrifttume finden wir herrliche Züge jüdischer Familienliebe verzeichnet. So wird uns berichtet, Rabbi Tarfon habe seiner Mutter seine Hände unter den Fuß gelegt, damit sie, als sie einmal einen Schuh verlor, auf dieselben tretend, ins Haus zurückkehren konnte, ohne sich den Fuß zu beschmutzen. Derselbe R. Tarfon beugte seinen Rücken, wenn die Mutter zur Ruhe ging, damit sie, diesen besteigend, zu ihrem Bette gelangen konnte. R. Josef stand auf, wenn er seine Mutter kommen hörte und sprach: „Ich erhebe mich, denn die Herrlichkeit Gottes naht." Güdemann hebt gelegentlich der Schilderung der Anschauungen über die Familie, welche nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt wurden, hervor, daß es in Israel keinen schroffen Gegensatz zwischen Lehre und Leben gegeben, und wenn auch das Judentum seine Bekenner nicht verpflichtet hat, seiner Lehre die Welt zu erobern, sie um so eindringlicher und erfolgreicher in der Kunst unterwiesen hat, im Hause und in der Familie sich eine Welt zu gründen, in welcher sie bis heute noch nicht übertroffen, ja nicht einmal erreicht wurden.