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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-06-01 · Heft 6 (1.6.1902) · p. Seite 136

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 6 (1.6.1902)
Date
1902-06-01
Page
Seite 136 (sequence 16)
Language
German
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Die Gemara, itm da- Jahr 500 abgeschlossen und von Rabina und Ruß Aschi redigiert, baut sich auf die Mischnah auf. Jede Mischna kann mit einem Paragraphen irgend eines Gesetzbuches verglichen werden, und die ihr folgende Gemara ist ihr alles umfassender Commentar, der nicht nur erklärt, auf welchem Wege die Tanaim zu ihrer Meinung gekommen sein müssen, welche Vorschriften biblisch, sinaitisch oder rabbinisch sind, sondern auch die rezipierte Mischnah mit den nicht rezipitierten (Boraitha) in Einklang zu bringen sucht. Darum heißen die Weisen der Gemara Amoraim, Erklärer. Die Entscheidung der Amoraim dürfen denen der Tanaim nicht wiederspreche«, denn die Amoraim stehen im Verhältnis von Jüngern zu de» Tanaim. Scheint ein Widerspruch vorhanden zu sein» wird er dialektisch aufgelöst. Auch die Gemara führt nur in den seltensten Fällen die endgiltige Entscheidung an, aber auch hier existieren bestimmte Regeln, nach denen die Entscheidung zu fällen ist. Die Znsammenstellung der Entscheidungen war die Aufgabe der nachtalmudischen Zeit. Wer nicht den Talniud kennt, dem läßt sich schwer eine genaue Beschreibung von ihm machen und zwar schon darum nicht, weil in ihm mit Ausnahme der Mischnah kaum ein Ansatz zur systematischen Darstellung vorhanden ist, und weil der gesetzliche, der halachische Teil mit dem aggadischen, dem nicht gesetzlichen, innig verwoben ist. Unter Aggadah versteht man Verschiedenartiges, so daß man sie nur mit einer Negation definieren kann; sie ist der nicht gesetzliche Teil des Talmud, homiletische und exegetische Stücke, historische Reminiscenzen, Genealogien und Daten berühmter Männer, Legenden, Parabeln, Allegorien in Form fabelhafter Erzählungen, geistreiche Aperyns, Volksheilmittel, wozu auch Zaubersprüche gehören, mancherlei über Dämonenglauben. All dieses beeinflußt nicht die Halacha, unterbricht aber die halachische Diskussion und ist so wenig systematisch geordnet wie die Halacha: Neben einer Legende .eine wichtige historische Notiz, inmitten einer fabelhaften Erzählung ekn geistreiches Aperyu. Die eine Erzählung voll tiefer Poesie und darum jeden ergreifend, eine andere nur den damaligen Anschauungen über Geister und Zauberwesen entsprechend. Es finden sich Weisheitssprüche würdig der Weisesten aller Zeiten und aller Nationen, Maximen der Sittlichkeit, wie sie nur Menschen idealster Gesinnung aussprechen können, Geistesperlen verschwenderisch ausgestreut, daneben aber auch Trivialitäten. Aber selbst bei solchen fühlt man den Ernst und die Gewisienhaftigkeit der Männer heraus, die von ihrem Berufe, Lehrer des Volkes zu sein, erfüllt sind. Kein Ausspruch der Aggadah ist verpflichtend, aber alle sollen den Geist und daS Gemüt der Israeliten vom Irdischen und Vergänglichen hinweg zum Ewigbleibenden und Ewiggiltige« lenken. Auf jeden Ausspruch der die Nichtigkeit der Welt beklagt, jeder pessimistisch klingenden Ansicht, folgt gleich den Trost und die Erhebung, denn hinter der Welt der flüchtigen, wechselnden Erscheinungen, hinter dem Kreislauf von

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