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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-06-01 · Heft 6 (1.6.1902) · p. Seite 137

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 6 (1.6.1902)
Date
1902-06-01
Page
Seite 137 (sequence 17)
Language
German
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«4' -»y -. > .-»E ”*sa 137 Geburt und Tod, thut sich dem Talmud die andere, die bessere Seite auf. Fremde philosopische Anschauungen, mögen sie woher immer stammen, wenn sie nur der eigenen Anschauung nicht widersprechen, erscheinen ausgenommen und aus der Bibel durch Deutungen herausgelesen. Verpflichtend ist nur die Halacha, die auch mit Hilfe einer genauen Übersetzung für den Nichtfachmann so schwierig zu lesen ist, wie z. B. ein mathematisches Werk für den, der nicht Mathematiker ist, weil die Halacha in jeder Zeile technische Ausdrücke gebraucht. Jede hermeneutische Regel, jede Art der Frage ist durch einen technischen Ausdruck, die Antwort oft nur durch ein Wort ausgedrückt; ein Wort, eine Andeutung steht statt eines Satzes, die Schrift ist ohne Vokale, ohne Satzzeichen, die Abhandlungen ohne Absätze. Wird eine Vorschrift durch eine hermeneutische Regel aus der Bibel herausgedeutet, so werden andere Vorschriften aus einem andern Gebiete -um Vergleich herangezogen; die Sabbathvorschriften werden mit den levitischen Reinheitsvorschriften, diese wieder mit den Speisevorschriften, diese mit den Ehegesetzen und diese wieder mit den Sabbathvorschriften kasuistisch und dialektisch verglichen, die Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten bis ins Kleinste haarspaltend klargelegt, das Bibelwort wird von allen Seiten betrachtet und zerfasert, jeder Partikel, jeder Buchstabe auf seinen möglichen Zweck im Worte und im Verse hin geprüft, um diese so zum Träger einer Vorschrift zu machen, und dies auf jeder Seite des Talmud. Zwölf Folianten umfaßt der babylonische Talmud. Es ist begreiflich, daß es vieler Jahre emsigen Studiums bedarf, um ihn gründlich zu kennen. Es wird aber auch begreiflich, daß er dann vielen die höchste Weisheit bedeutet, da er so vieles enthält und so großen Scharfsinn zum genauen Verständnis seines Inhaltes erfordert. Das ist der Inbegriff der mündlichen Lehre oder der Tradition. Sie enthält alles, was das Judentum in religiösen Dingen während vieler Jahrhunderte gedacht und gefühlt hat, und ist darum ein getreues Spiegelbild des Judentums jener Zeit. Keine Runzel wurde geglättet, kein Schattenstrich verwischt, keine Retonche wurde versucht, und der Talnrud ist darum für die Kenntnis des Judentums die einzig richtige Quelle. Alles läßt der Talmud an Systematik, an künstlerischer Anordnung vermissen, aber nichts an treuer Darstellung. Es ist ein elementares Produkt des jüdischen Geistes, dem man beikommen, das man aber nicht modeln kann. Wonatsschau. Der jüngst verstorbene Dr. Lieber antwortete auf die gegen ihn gerichteten Angriffe Dr. Sigls im „Bayrischen Vaterland" Folgendes: „So lange übrigens die liebe heilige Mutter Gottes eine Jüdin bleibt, kann ich den Katholizismus nicht begreifen, der einem einen Borwurf daraus macht, daß er seine Kinder auch durch

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