Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 130 - anderen Ende des Weltteils die Zionswacht; auf halbem Wege steht Dr. Emil Hirsch: mit seiner wuchtigen Beredsamkeit, seinem unbarmherzigen Spotte und seinem riesigen sozialen Einflüsse in der „Königin des Westens," der Millionenstadt Chicago, hält er die winzigen vorlauten Kläffer nieder. Und sollte die zionistische Idee innerhalb der nächsten zwei Jahre drüben in Europa genug erstarkt sein, um die scharfe Seeluft zu vertragen, dann mögen die beiden Wikinger Herzl und Nordan mit ihren Mannen den atlantischen Ozean durchfurchen und den 6. Kongreß in New-Aork zusammenrufen. Mir ist es gelungen, obwohl ich vor 6 Jahren unangemeldet und mit bescheidenem Gepäcke im Lande der Aankees ankam, und obgleich ich damals der Landessprache noch nicht mächtig war, unter den christlichen Verlegern einen „Erlöser" für die jüdische Encyklypädie zu finden. Warum sollte es meinen Landsleuten und Kollegen Herzl und Nordau, deren Ruf als Staatsmänner, Redner, Schriftsteller und Gelehrte ein fest begründeter ist und bis an die Enden des Erdenrundes reicht, nicht gelingen, wenn nicht jüdische, so doch vielleicht einige christliche Millionäre für ihre Idee zu gewinnen? Ich bin überzeugt, daß es Andrew Carnegie, dem Stahlkönige der in dem einen Jahre 1901 das Sümmchen von Sh. 38,000.000 (—144 Millionen Mark) für Universitäten und Bibliotheken spendete und Theodore Roosevelt, dem stählernen Präsidenten der Vereinigten Staaten, ein Vergnügen sein wird (beide Herren sind Schriftsteller), Nordau und Herzl zu einem Diner zu laden und nach dem Diner mit ihnen bei einer guten Havanna und einem Glase Champagner die zionistische Frage zu besprechen. Kaiser Wilhelm schickte uns seinen Bruder, Prinz Heinrich, herüber, um mit den politischen und kommerziellen Führern des Landes in Fühlung zu treten. Ihr europäischen Juden habt Euch einmal durch Eure Indifferenz und Mangel an Mut die Suprematie entreißen lassen: erkennet Eure jüngere, energische Schwester jenseits des Ozeans als Königin der Judenheit ohne Vorbehalt an- Europa ist altersschwach geworden und auch die europäische Judenschaft kann sich diesem Senilismus nicht entziehen. Kommt nur herüber, Ihr edlen und mutigen Vorkämpfer einer großen Idee: hier, in Amerika, ist der Boden reif für eine jüdische Renaissance. Die 75 Millionen Amerikaner haben noch ein tief religiöses Gefühl in ihrem Herzen: keine politische Versammlung beginnt, ohne durch ein Gebet eingeleitet zu werden; Präsident und Minister gehen regelmäßig zur Kirche: man achtet und liebt hier denjenigen, der offen und frei seiner religiösen und politischen Überzeugung Ausdruck giebt. Nicht blos New-Iork, sondern auch unsere Brüder in Philadelphia, Chicago und San Franzisko, in Canada und Rew-Orleans werden Euch mit offenen Armen empfangen. Niemand von uns weiß, noch kann er's wissen, wie und wann die Judenfrage wird gelöst werden. Aber die Überzeugung sollte in jedes wahren Juden Gewissen sich festsetzen,- daß sie gelöst werden müsse, und zwar je früher, um so besser. Wir besitzen innerhalb der Zelte Jakobs das genügende geistige, physische und finanzielle. Kapital, um