Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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.'<? —j - - - '? ■”* ■'> :• "w "H" ' m7- L" — 124 — feine Stelle trat der Einfluß einer neuen Heimat. Jesus hat gelehrt, daß der Prophet nichts gelte in seinem Vaterlande. Seine Brüder mußten es jahrhundertelang in den neuen Vaterländern erfahren. Noch heute fühlen sie es überhart. Doch ihr spezifisches Genie der. Religion lebt fort als Eigentum der menschlichen Kultur. Das ist das Wesen des „Hebräischen". Wer sehen will, erkennt den scharfen Unterschied, der das „Hebräische,, vom sogenannten „jüdischen Bolkstume" trennt. Dieser Kulturstoff des „Hebräischen" hat im Verlaufe der Weltgeschichte eine mannigfache Transsubstantiation erfahren. Er ist oft getrübt und gemischt worden mit fremdartigen Elementen, die ein kundiges Auge jedoch leicht auszuscheiden vermag. Aus der ganzen religiösen Poesie des Abendlandes läßt sich das „Hebräische". herauslesen. Seinen enggeschlossenen Sondercharakter erkennen wir sofort, wenn wir die gleiche Dichtgattung des buddhistischen Kulturkreises z. B. uns gegenwärtig halten. Schon der bloße Hinweis auf den Unterschied öffnet eine Perspektive von weitester Ausdehnung. Byron mag unbewußt diese Bedeutung des Hebräischen erkannt und dementsprechend seinen „Hebrew songs“ ihren Namen gegeben haben. In neuester Zeit ist von Börnes, Freiherrn von Münchhausen, ein Buch „Gesänge" erschienen, das an der Spitze den Titel „Juda" trägt. (F. A. Lattman, Leipzig.) Seine Verse haben nichts vom Geist des „Hebräischen" trotz ihres klingenden Geleitwortes. Zur Schönheit einst gesungener Psalmen, zum alten, großen Gott will uns der Dichter zurückführen. Er ist aber so schwach, so zwergenhaft unkräftig und ungelenk, daß sein hochmütiges Unterfangen uns lächeln macht, wie ein Knabe, der Disteln köpft und sich einen Prometheus dünkt. „Ein Fremdes ruft aus mir und redet wahr", so prahlt er uns wie ein rechter Münchhausen entgegen. Er lügt; aber nicht überlegen und geistvoll, wie sein Namensvetter, sondern in harten, oft abgebrauchten Bildern und Reimereien. Kein Wunder, ihm fehlt ja das ewig Lebende und Blühende, das „Hebräische". An seine Stelle hat er ein Künstliches, längst schon Gestorbenes hingesetzt, den sogenannten „jüdischen Volksgeist". „Wie mag der Mensch gerechter sein denn Gott?" fragt Byron. Ob Herr von Münchhausen eine Entgegnung weiß? Seine Rollenlieder und Balladen in „Juda" sind stumm und von schmächtiger Verlegenheit. Unsere Frage ist beantwortet. Jüdische Poesie kann es nicht mehr geben, aber hebräische. Die braucht nicht mit den krausen Lettern des Tenach geschrieben zu sein. Die redet in allen Zungen der Welt. Sie kann ertönen am Jordan, am Ganges, am Tiber und an der Spree.