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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-06-01 · Heft 6 (1.6.1902) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 6 (1.6.1902)
Date
1902-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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128 thun, unbewußt, weil sein historischer Horizont eng ist, und er nur die Fläche des „jüdischen Volksgeistes" zu überschauen vermag, oder von allen ihm bekannten Gr» scheinungsformen ist ihm gerade der „jüdische Volksgeist" am besten gelegen, wie ein technischer Ausdruck za sagen pflegt. „Ein Bruchstück der Erscheinungswelt muß dem Dichter immer voy außen geboten werden " In unserem Falle „der jüdische Volksgeist". Ist das vorläufig hypothetische Datum wirklich vorhanden, so muß auch der Dichter an ihm seine Kraft üben können. Vorhanden war er; das wissen wir. Die ganzen Bücher des alten Bundes sind ein Dokument seiner Existenz. In ihnen weht das Pneuma hagion des „jüdischen Volksgeistes", und recht thaten seine Dichter, wenn sie den Wind in sich sogen und mit dem Feuer ihrer Künstlerseelen durchglühten. Dadurch entstanden jüdische Poesien, geboren aus „jüdischem Volksgeiste". Und die Gegenwart? In ihr ist der jüdische Volksgeist lange, lange tot, obwohl er künstlich wiederbelebt werden soll. Ob das ein Unglück ist oder nicht, wollen wir hier nicht untersuchen. Der Thatsache allein werde gedacht. Die Kinder des jüdischen Geistes sind zerstreut über die Erde. Da ist es ihnen ergangen wie allem Winzigen und Zerstreuten. Sie sind verschlungen worden von den überschlagenden Wellen. Wenn hie und da ein Tröpflein aufsickerte, was thuts? es konnte sich nicht behaupten. Ohne Bild: Der „jüdische Volksgeist" verschwand, er mußte sich assimilieren. Die Weltgeschichte ist bekanntlich das Weltgericht. Wer sein Urteil ungerecht findet, mag klage». Das Weltgericht ist autokrat. Ein Anderes aber ist geblieben, ein Starkes und Ewiges, ein Kulturelement von unendlicher Dauer, und das möchte ich das „Hebräische" nennen. Als Athen und Sparta ihren Glanz verloren hatten, und das griechische Volk erloschen war, da behauptete sich eines immer noch, unvergänglich und strahlend, der hellenische Geist. Genies der Schönheit waren die Griechen gewesen und Genies der logischen Definition, was im eigentlichen Grunde ein und dasselbe ist. — 70 Jahre waren verflossen, seitdem in Betlehem der große Rabbi Jesus geboren worden war. Jerusalem lag in Schutt, von dem römischen Imperator zerstört. Das Zentrum der jüdischen Volkheit war vom Boden verschwunden. Das Volk war schon vorher kein Volk, sondern eine lockere Einheit gewesen, in deren nationalem Fleisch mehr als ein fremder Sparren steckte. Es war, als hätten die Einzelelemente mit dem Sammelnamen Juden eine . Beweisprobe auf den Satz Steinthals sein sollen: „Einem Volke gehört man nicht an, einem Volke will man angehören." Die Diaspora wurde jetzt vollkommen. Die Zerstreuten gingen in alle Winde und mußten sich assimilieren. Sie waren keine Genies der Schönheit, sondern Genies der Religion. Dies Genie blieb in ihnen inhärent, wie das Genie überhaupt inhärent ist. Es erhielt sich und durchtränkte die Kulturen, init denen es in Berührung kam. Alles andere, was Erziehung, Land und die übrigen Aceidentien aus den Verbannten gemacht hatten, verschwand, weil es natürlich verschwinden mußte. An

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