Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1902)
- Date
- 1902-06-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969900--6613-2975960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nr-7< ■ ■■ ' -■ " - ' *■' '■ ' —°-1:-1,. , "i.i i, — 122 — Wägungen. Und dementsprechend haben die Einzelschulen sich auch genannt- Von christlicher Poesie ist die Rede, von nationaler und sozialer, von symbolistischer und veristischer. Und jüngst ist eine neue hinzugekommen: die jüdische Poesie. Was soll der Name ausdrücken? Ist er bestimmt einen künstlerischen Wertkomplex zu bezeichnen? Gebraucht man ihn zur Formulierung einer festen Tendenz? Oder ist er wirklich nur ein Name, Schall und Rauch ohne Begriff und gedankliche Stütze? Heine - schreibt in seinem Buche über Shakspeares Mädchen und Frauen: „Wenn seiner (des Dichters) Anschauung nur das kleinste Bruchstück der Erscheinungswelt von außen geboten wird, offenbart sich ihm gleich der ganze universelle Zusammenhang dieses Bruchstückes." „Er kennt gleichsam Zirkulatur und Zentrui» aller Dinge." — — — „Aber ein Bruchstück der Erscheinungswelt muß dem Dichter von außen geboten werden." Heine hat mit diesen Worten einen krystallklaren Satz ausgesprochen, dessen ideelle Originalität er allerdings nicht beanspruchen darf. Nur die wundervolle Durchsichtigkeit der Stilisierung ist sein Werk. Er will nämlich sagen, daß ein wirklicher Poet alles durch sich selbst schaffe, durch seine Intuition, die nichts vom Staube materieller oder formeller Studien an sich trägt. Nur ein Gegenstand müsse vorhanden sein, an dem die Intuition ihre Kräfte üben könne, wie der Schmetterling bunte Blumen und süße Kelche brauche. Der Dichter sieht alles,. wenn er auch die Augen schließt. Seine ganze Welt liegt in ihm, nicht außerhalb seines Wesens. Darum kann er nicht darstellen wollen, wie der i Philosoph oder Naturforscher irgend einen Gegenstand zum Objekt seiner Arbeiten und Erfahrungen macht. Ein Segment aus dem Kosmos greift der Dichter an, wie es ihm gerade in den Weg geworfen wird. Ihm handelt es sich nicht um das Was, sondern allein um das Wie. Und dies ruht in ihm, unveräußerlich und unveränderlich als eine Energie, deren Wirken und formendes Prägen sich kund giebt, deren Wesen aber unbekannt ist, wie die Beschaffenheit der Urkraft. Wir sehen nun, wie zwischen bestimmten poetischen Energien und bestimmten Darstellungsobjekten eine bestimmte Verwandtschaft besteht, als wären beide chemische Stoffe, die zur Affinität neigen. Die eine heftet sich an ein Bruchstück der Erscheinungswelt, das man politisches Leben nennt, während jene an der Religion oder grabenden Denkbarkeit ihre Kräfte entfaltet. Sie werden aber stets auf die fruchtbaren Daten dieser Einzelgebiete hinstreben müssen, die nicht nur der bildende Künstler zu suchen hat. Diese Sonderneigung der poetischen Energie hat von vom herein ihre Richtung. Sie ist kein Produkt von Erziehung und Umgebung. Wo sie nicht a priori vorhanden ist, kann man sie nicht einpflanzen. Nur vervollkommnen läßt sie sich, und auf einen Seitenweg drängen. Immer jedoch wird sie die ihr von Natur . zugewiesene Straße wiederfindeu. Da ist es denn möglich, daß ein Dichter ganz und gar das Segment „Volksgeift" zum Gegenstand seiner künstlerischen Formung nimmt . und aus diesem wieder einen Teil „jüdischer Volksgeist" herausschält. Er kann, das |