Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 112 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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112 Pracht zum Grabe geleiten, bis erst dort die Mutter Erde still und lautlos aus der Tiefe flüstert: „Ich kenne keinen Unterschied, mir sind Alle gleich, hier hört auf jeder Glanz, hier schwindet jede Pracht" Wir Söhne des jüdischen Stammes aber dürfen rühmend von uns sagen, und höher darf das Herz uns bei dem Ge», danken schlagen: Die „Chevra-Kadischa" im Judentume kennt keinen Unterschied zwischen Arm und Reich; in einfacher, aber würdiger Weise werden Jedem, ob Fürst oder Bettler, die letzten Ehren erwiesen, und keinen Vorzug genießt der Reichbegüterte vor dem, der mit des Lebens Not gerungen und als Charakter sich hat bewährt. Darum darf wohl in erster Linie die „Chevra-Kadischa" ein heiliger Verein genannt werden. Doch die „Chevra-Kadischa," wie der wohthätige Frauenverein, der sich , dieselben Ziele gesetzt, widmen ihre aufopferungsvolle Thätigkeit nicht allein den. Toten, sondern auch den Lebenden, die mit Kummer, Not und Sorge stets zu kämpfen haben. „Ooi choschub kemeth“. „Der Arme," so sagen unsere Weisen, „ist einem lebendig Toten zu vergleichen." Ja der Arme, der noch einen Funken Selbstgefühl besitzt, ist ein lebendig Toter, denn er zittert davor, daß der Gifthauch der Armut sein Selbstgefühl vernichten und zerstören könnte. Solch' würdigen Armen, die Toten zu vergleichen sind, wieder neues Leben einzuhauchen, das ist die heilige Aufgabe der „Chevra-Kadischa" und der „Chevras-Noschim". M. A.! Wenn einer der bedentensten modernen Dichter*), der jetzt mit dem Tode ringt, erklärt: „Nicht Almosen schulden wir dem Armen, sondern persönliche Teilnahme", so hat er damit nur ein Wort ausgesprochen, das der jüdische Prophet vor Jahrtausenden hat verkündet: „wesofek leroev nafschescho“ „De i n e Seele mußt du teilen mit dem Hungrigen und dem Darbenden". Und weil die „Chevra-Kadischa" und der wohlthätige Frauenverein diese heilige Aufgabe haben, sich in die Seele des Bedürftigen hinein zu versetzen und den lebendig Toten neues Leben durch echte und innige Nächstenliebe einzuhauchen, darum führen sie den Namen Heilige Vereine. M. A.! Arme sind leider lebendig Tote; denn tot ist, wer von der Welt nicht beachtet und vergessen wird, tot ist, wer nicht wagen darf, sein Selbstgefühl zu äußern, wer aber in unserem Gedächtnis und unserem Herzen fortlebt, der ist, wenn er auch nicht mehr auf Erden weilte, nicht tot, der ist nur fern von uns. Darum sind nicht tot zu nennen unsere Lieben und Teuren, die uns in die ewige Heimat sind vorangegangen; denn sie leben fort in unseren Herzen, ihr Wirken und Schaffen zieht au unserem Auge vorüber und heiligt und veredelt unseren Schmerz. Und so gedenken >vir zunächst der verstorbenen Mitglieder der Brüderschaft, wir gedenken ferner der im Laufe des Jahres in unserer Gemeinde Dahingeschiedeneu, wir gedenken aber auch der im abgelaufenen Jahre dahingeschiedenen Männer, die sich um Ehre und Wissenschaft des Judentums verdient gemacht. Zu Dir aber, ') Tolstoi.