Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1902)
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 108 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108 vernachlässige, so möge es mir gestattet sein eittetr Paragraphen über die jüdische Presse hier einzuschieben. Es sind gerade 20 Jahre her, seitdem ich in meinem Buche „Presse und Judentum" (2. Auflage, 1882) Mittel und Ziele einer idealen jüdischen Presse zu schildern übernommen hatte. Ich habe inzwischen vieler Herren Länder gesehen, englische und amerikanische, französische, holländische und italienische Blätter gelesen und studirt: heute wie damals existirt blos ein einziges jüdisches Blatt, das annähernd meinem, Ideale von einer jüdischen Zeitung entspräche; und dieser weise Rabe übt wirklich auf die Juden des betreffenden Landes einen großen ernsten Eindruck aus. Nicht jedoch an den Redakteuren und Herausgebern der übrigen Blätter liegt die Schuld, wenn die letzteren in den meisten Fällen gezwungen sind einen harten Existenzkampf zu führen. Das allgemeine jüdische Publikum abonnirt nicht auf die jüdischen Blätter, weil sie ihm nicht genug lehrreich und interessant erscheinen; das jüdische Wochen- und Monatsblatt andererseits kann nichts Außerordentliches liefern, weil die Zahl seiner zahlenden Abonnenten oft nicht das erste Tausend erreicht. Dieser circnlus viti08U8 kann nur durch die Intervention unserer jüdischen Philanthropen durchbrochen werden. Jede politische, religiöse oder wirtschaftliche Partei, jede wissentliche oder künstliche Körperschaft, jeder Geschäftsberuf verfügt über spezielle Organe. Wir Juden des 20. Jahrhunderts, als das Erzeugnis eines wunderbaren, mannigfachen Durch- und Jneinandergreifens von politischen, ethischen, religiösen, ökonomischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Einflüssen der verschiedensten Art, repräsentieren eine ganz eigentümliche Conglomeration aller jener diversen Elemente; eine tüchtige spezielle Presse ist daher vorläufig für uns eine Lebensuotwendigkeit. Hier, in New - Jork, giebt es vier große täglich erscheinende Jargonblätter mit einer Auflage von je 10.000 —30.000 Exemplaren. Deren Herausgeber, kluge Geschäftsleute, aber dabei gute Jehudim, wissen sehr wohl, daß die Kinder ihrer Leser nicht mehr ihre „yiddischen" Zeitungen, sondern den „American Hebrew*, den „Hebrew Standard” und den „Jewish Messenger“ — um hier bloß die drei New-Iorker Blätter zu nennen — lesen werden; sie bereiten selbst die Zeit vor, wo die russischen, rumänischen und galizischen Juden ihren Jargon gegen die Sprache Shakespeare's vertauschen und aus Parias werden amerikanische Vollbürger werden. So mag es ja auch dahin kommen, daß in 1925 oder 1930 das Bedürfnis für eine speziel jüdische Presse weder in Deutschland noch in Oesterreich, weder in Frankreich noch in Italien oder Holland läiiger bestehen werde; ebenso wie unsere jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten in den allgemeinen philanthropischen Instituten, so wird dann hoffentlich auch die jüdische in der allgemeinen politischen oder allgemeinen Fachpresse „ohne Bruchteil" aufgegangen sein. Heute zählen wir aber 1902 und deshalb darf ich wohl den Herren von Rothschild, Königswarter, Bleichröder und ihren minderwertigen Finanzbrüdern in der verschiedenen europäischen Hauptstädten